Mütter- und Schwangerenforum

Genkis Geschichte

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Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:49
Ihr Lieben,

ich habe lange überlegt, ob ich meine Geschichte hier tatsächlich erzähle, ob sie überhaupt jemand lesen möchte oder ob man sie anderen Müttern überhaupt zumuten kann…
Letztendlich habe ich mich für diesen Schritt entschieden, um alles aufzuarbeiten, Kraft zu sammeln und mich vielleicht mit anderen Müttern mit ähnlichem Schicksal austauschen zu können.

Es ist nicht nur die Geschichte über den Verlust meiner kleinen Tochter, sondern ich hole weit aus, um ein möglichst gutes Gesamtbild zu schaffen. Es ist im Grunde die Geschichte über die Entstehung meiner kleinen Familie. Dadurch ist der Text natürlich etwas länger. Ich habe ihn in Kapitel unterteilt, um eine bessere Übersicht zu schaffen und ich hoffe, er klingt nicht allzu wirr…
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:50
Kapitel 1 - Vom Master of Science zur Mutter aus Leidenschaft

Endlich war es soweit! Das Jahr 2012 begann und ich startete in die letzte Phase meines Studiums - ich absolvierte meine Masterarbeit. Da kam natürlich auch zwangsweise die Frage auf, was nun danach folgen sollte. Eine Doktorarbeit wäre nicht schlecht. Natürlich wollte ich auch irgendwann heiraten und ein Kind. Und das alles möglichst, bevor ich 30 wurde. Wenn das Studium vorbei ist, wäre ich 25, evtl. schon 26. Dann kann ich noch mit 4 Jahren Doktorarbeit rechnen. Eine Schwangerschaft dauert ja auch eine Weile und erfordert erstmal einen passenden Mann. Irgendwie haut das zeitlich doch alles nicht so recht hin, merkte ich. Na egal, ich widmete mich erstmal dem Hier und Jetzt.
Lustiger Weise meldete sich Mitte des Jahres meine erste große Liebe wieder bei mir. Als wir 15 waren, waren wir knapp 3 Jahre zusammen. Danach war ewig Funkstille und nach fast 10 Jahren haben wir es tatsächlich das erste Mal geschafft, uns wiederzusehen. Auf diesem Treffen lag von Anfang an ein Zauber. Man kannte den anderen gut, ich fühlte mich wohl in seiner Nähe und konnte ganz ich selbst sein, was mir bisher noch bei keinem anderen Mann gelungen war. Ab dem Zeitpunkt trafen wir uns immer Mal wieder, eins kam zum anderen und ab 2. Dezember 2012 waren wir auch offiziell wieder ein Paar. Da wir 3 h auseinander wohnten, führten wir leider nur eine Wochenendbeziehung. Umso schöner war es, als die Weihnachtszeit kam und wir nun 2 Wochen aneinanderkleben konnten. Nach einem Techtelmechtel kurz vor Silvester fiel mir auf, dass wir vielleicht sicherheitshalber ordentlich verhüten sollten, wenn wir keine Überraschung erleben wollen. Doch da war es schon zu spät - Mitte Januar hielt ich einen positiven Test in den Händen. Ich musste heulen, weil meine eigentlichen Pläne über den Haufen geworfen wurden. Keine Doktorarbeit mehr. Ein Umzug in eine Stadt, in die ich eigentlich nicht will. Und ich, die mit Kindern doch gar nichts anfangen kann, soll nun wirklich Mutter werden? Mein Freund hatte von Anfang an ein Lächeln auf den Lippen. Im Nachhinein weiß ich, dass der Zeitpunkt eigentlich wirklich günstig war. Ich hatte den richtigen Menschen an meiner Seite. Der praktische Teil der Masterarbeit war fertig und ich musste nur noch zusammenschreiben. Das richtige Alter hatte ich auch - schließlich wollte ich ja ein Kind, bevor ich 30 war.
Die Schwangerschaft war recht aufregend. Wehwehchen hatte ich nicht allzu viele. Am Anfang war mir immer mal leicht übel und mir wurde oft schwindelig. Gegen Ende machte mir meine Symphyse zu schaffen und ich lagerte Wasser ein, was ich nicht ganz so schick fand. Schlimmer war der ganze Stress, den ich hatte… Der Umzug kostete in vielerlei Hinsicht Nerven. Außerdem kam ich nicht damit klar, dass sich mein Leben bereits mit der Schwangerschaft veränderte, während mein Freund noch so weitermachte wie immer. Ich habe ihn teilweise regelrecht dafür gehasst, dass ich mein altes Leben komplett aufgeben musste, während bei ihm alles gleich blieb. Als ich dann 6 Wochen vor ET endlich meine Masterarbeit verteidigte und ich die Füße hochlegen konnte, entspannte sich auch die Gesamtsituation und wir warteten gespannt auf unser erstes Wunder.
Am 26. September 2013 legte ich mich mit einem Buch ins Bett. Als ich mit Lesen fertig war und gerade einschlafen wollte, setzten die Wehen ein. Ich wusste sofort, was los war, da ich vorher keine einzige Wehe hatte. Um 3 Uhr waren sie schon ziemlich unerträglich und wir fuhren ins Krankenhaus um die Ecke. Ich hatte wirklich fiese Wehen… Sie waren unglaublich lang und die Pausen dazwischen so lächerlich kurz, dass ich leider gar nicht zur Ruhe kam. Ich krallte mich ans Krankenhausbett und jammerte einfach nur rum. Man gab mir zwar Schmerzmittel, aber die waren irgendwie wirkungslos. Halb 7 wurde dann noch mal mein Muttermund kontrolliert und ich wurde endlich in den Kreißsaal geschoben. Ich war glücklich, dass es tatsächlich voran ging und ich bald mein Baby im Arm halten würde. Um 9.11 Uhr war unsere bezaubernde Tochter dann endlich ohne jegliche Komplikationen da. Sie war ein kleines, zartes Mäuschen von nur 2780 g und 49 cm, obwohl sie 5 Tage über Termin ging. Ich selbst musste nur ein bisschen genäht werden, aber davon habe ich gar nichts mitbekommen, da ich mit Verliebtsein beschäftigt war. Das Stillen klappte super, das Kind nahm gut zu und nachdem wir an Tag 4 im Krankenhaus die U2 und das Fotoshooting hinter uns hatten, ging es nach Hause. Es war wirklich sehr komisch, plötzlich ein Baby daheim zu haben und von Tag 4 bis Tag 10 hatte ich auch ordentlich den Baby-Blues. Mein Kind war ein grauenvoller Schläfer, stillte eigentlich rund um die Uhr und war nur auf meinem Arm oder im Tragetuch zufrieden. Sie war wirklich kein Anfängerbaby, aber wir haben beide unseren Weg gefunden. Ich schwor mir allerdings, dass es definitiv nur bei diesem einen Kind bleiben soll. Denkste!
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:51
Kapitel 2 - Ein ungeahnter Wunsch keimt auf

Für uns war von Anfang an klar, dass unsere Große mit einem Jahr halbtags in die Kita kommt, damit ich mir Arbeit suchen kann und beruflich nicht auf der Strecke bleibe. Außerdem spielte ich mit dem Gedanken, nach einem Jahr arbeiten doch die Familie zu vergrößern. Die Babyklamotten habe ich damals nicht weggeben können, weil man ja nie weiß, was mal geschieht…
Die Eingewöhnung in der Kita lief recht schleppend und wir hatten wirklich über viele Monate ein ewiges Auf und Ab. Gleichzeitig merkte ich aber auch, dass ich meiner Tochter zu Hause nicht mehr so viel bieten konnte und auch ganz egoistisch mal wieder ein wenig Zeit für mich wollte. Vor allem für die Bewerbungen brauchte ich natürlich genug Konzentration und das war mit einem Kind, das an mir klebte, schlichtweg nicht möglich. Zunächst war ich beim Bewerben noch voller Euphorie. Ich fand eigentlich jede Woche 1-2 Jobangebote, die mir gefielen. Es waren nicht immer Stellen, die einem Masterabschluss gerecht wurden, aber mir war weder wichtig, einen meinem Abschluss angepassten Beruf zu ergattern, noch viel Geld damit zu machen. Ich wollte einfach nur arbeiten. Am liebsten natürlich Teilzeit, um noch viel Zeit für meine Große zu haben. Nach endlos vielen Standardabsagen bekam ich im April endlich einen Rückruf für eine Teilzeitstelle, auf die ich mich beworben hatte. Blöderweise war die Stelle schon weg, aber sie boten mir eine Alternative an, die wirklich überhaupt nicht zu mir passte… Natürlich ging ich trotzdem zum Bewerbungsgespräch, aber es war zum Scheitern verurteilt, weil jede Pore meines Körpers ausstrahlte, dass ich einfach nicht für den Job geschaffen war. Der Bewerbungsmarathon ging weiter. Ich verabschiedete mich schon lange von dem Gedanken, Teilzeit zu arbeiten und bewarb mich eigentlich auf alles, was irgendwie passte. Die Zeit arbeitete auch nicht unbedingt für mich. Ich fragte mich, ob irgendetwas an meinen Bewerbungsunterlagen nicht stimmte. Die Noten waren super, wortgewandt war ich auch. Lag es vielleicht daran, dass ich Mutter war? Ich entschied mich für einen Schritt, den ich eigentlich nie machen wollte - ich schickte Bewerbungen ab, in denen ich mein Kind verschwieg. Prompt erhielt ich eine Einladung zu einem Gespräch. Die Lücke im Lebenslauf kam selbstverständlich zur Sprache. Ich bekam den Job am Ende nicht. Weitere Bewerbungen wurden versendet und mittlerweile war meine Elternzeit schon 1 Jahr vorbei und meine Große feierte ihren zweiten Geburtstag. Ich bekam echt Panik, dass es ewig so weitergehen würde. Was war dann mit einem zweiten Kind? Der Abstand zwischen Nr. 1 und 2 sollte möglichst so sein, dass die beiden noch miteinander spielen konnten. Dann hingegen fragte ich mich, worauf ich eigentlich warten soll? Die Lücke im Lebenslauf war schon da - warum sollte ich sie nicht einfach vergrößern und dafür die Familienplanung abschließen? Ich redete direkt mit meinem Freund über meine Gedanken und Ängste und wir entschieden uns spontan, diesen Weg tatsächlich zu gehen. Da ich mich aber geistig fordern und während Schwangerschaft und Babyjahr etwas zum Vorzeigen haben wollte, beschloss ich, ein kleines Fernstudium zu machen, dass etwa ein Jahr dauern sollte. Aber erstmal gingen wir das Schwangerwerden an. Zufälliger Weise war gerade Eisprungzeit und wir waren zweimal unvorsichtig. Nach ein paar Tagen keimten in mir plötzlich enorme Zweifel auf. Ich musste heulen, weil ich wirklich Angst hatte, jetzt etwas Unvernünftiges getan zu haben. Wir können doch kein zweites Kind kriegen! Das packe ich nie! Ich beruhigte mich, indem ich mir sagte, dass es wahrscheinlich gar nicht geklappt hat und ich mir das im nächsten Monat doch noch einmal genauer überlegen könnte. Die Nacht vor meinem vermuteten NMT zeigte mein Körper dann deutliche Schwangerschaftssignale und ich wusste, dass ich sowas von schwanger war. All meine Zweifel kamen wieder hoch und ich musste einfach nur heulen. Am nächsten Tag kaufte ich einen Test, der mir anzeigte, was ich eh schon wusste. Aber gleichzeitig löste er in mir ein Gefühl der Freude aus. Ich freute mich plötzlich auf die Schwangerschaft und war sehr gespannt, wie sie sich von meiner ersten unterscheiden würde. Und ich freute mich auf ein weiteres Baby, auf das Stillen, das Tragen, das Kinderwagenschieben und auf die Reaktion meiner Großen auf den Nachwuchs. Die Rosawattewölkchenwelt nahm Gestalt an und ich spürte, dass wir mit diesem Baby dann endlich komplett sein würden.
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:51
Kapitel 3 - Schwangerschaft 1 vs. Schwangerschaft 2

Während mir in der ersten SS von Beginn an die Brüste unangenehm weh taten, ich teilweise Bauchkrämpfe hatte und mich oft der Schwindel plagte, hatte ich in den ersten Wochen der zweiten SS (mit Ausnahme der Nacht vor dem Test) erstmal absolut nichts, sodass ich schon dachte, die SS wäre gar nicht intakt. Ich merkte, dass mir das Sorgen bereitete und bestellte mir noch ein paar billige Tests im Netz. Als sie endlich geliefert wurden, blinkte mich ein fetter Strich an. Verrückt wie ich war, stellte ich noch ein paar starke Verdünnungen her und war erleichtert, dass ich trotz der geringen Konzentration, die ich da zusammenmischte, einen Strich erkennen konnte. Bald kam auch der erste FA-Termin, der mir mit einem ersten Ultraschallbild und dem sichtbaren Herzschlag dann auch alle Ängste nahm. Ab da war ich total entspannt. Wie in der ersten SS hatte ich immer mal wieder unterschwellige Übelkeit und fühlte mich dauernd aufgebläht. Es gab wieder ein paar Sachen, die ich nicht sehen konnte, ohne dass mir schlecht wurde (z.B. Studentenfutter, Erdnüsse - in der ersten SS waren es Müsli und Tee). Auch nahm ich zu Beginn erstmal wieder etwas ab. Pünktlich nach den ersten 12 Wochen ging es bergauf - mit den Unannehmlichkeiten und dem Gewicht. Mein Bauch explodierte plötzlich und es war ein Wunder, dass ich am 4. März doch tatsächlich noch in mein Hochzeitskleid passte. Mein Freund und ich hatten bereits eine Weile mit dem Heiraten geliebäugelt und nun - anlässlich der Vervollständigung unserer Familie - wollten wir Nägel mit Köpfen machen und gaben uns relativ spontan das Ja-Wort im Kreise der engsten Familie und Freunde. Es war ein wirklich schöner Tag, wenn man mal davon absieht, dass mich ein Harnwegsinfekt und Schwangerschaftshämorrhoiden quälten.
Als ich die halbe SS hinter mir hatte, sah ich schon sehr nach Wal aus. Ich entschied mich in dieser SS übrigens gegen jegliche zu zahlende Untersuchungen, da in der ersten SS auch nichts Auffälliges festgestellt wurde und ich mir sicher war, dass auch dieses Mal alles gut geht. Warum auch nicht? Die Wahrscheinlichkeit, ein gesundes Kind zu bekommen, ist deutlich höher als das Gegenteil. Und ich hätte auch ein Kind mit einer Krankheit großgezogen. Ich könnte einfach kein Baby abtreiben. Aber ich war ja eh davon überzeugt, dass - wie beim ersten Kind - alles nach Bilderbuch läuft. Im Vergleich zur ersten SS kam nur ein neues Übel hinzu - ich hatte Ischiasschmerzen. Diese bekämpfte ich durch tägliche Spaziergänge und Gymnastik am Abend. Als die Wassereinlagerungen kamen, gab mir meine Hebamme den Tipp, auf Getreide und Industriezucker zu verzichten. Ich hätte gar nicht gedacht, dass ich es schaffe, mich weitestgehend daran zu halten, aber es half tatsächlich und ich fühlte mich auch wieder wohl in meiner Haut. Ich machte also Sport, ernährte mich gesund und fühlte mich, als wär ich eigentlich gar nicht schwanger. Nur der Bauch gab einen Hinweis darauf. Gegen Ende der SS wurde auch das Schlafen wieder zum Problem und ich knackte bei jedem Umwuchten, aber das kannte ich ja schon von früher. 4 Wochen vor dem korrigierten ET hatte ich die Geburtsanmeldung im Krankenhaus. Mir war gar nicht klar, wie schnell diese SS verging und ich hätte auch fast keinen Termin mehr bekommen. Was mir ebenfalls nicht klar war, war, dass ich nur 3 Tage später wieder im Krankenhaus aufkreuzen und mein Kind bekommen würde - mehr als 3 Wochen zu früh…
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:52
Kapitel 4 - Die Traumgeburt

Nachdem ich am Samstag zur Geburtsanmeldung im Krankenhaus war, merkte ich auch gelegentlich Wehen und ich dachte mir, dass ich also in dieser SS mal Übungs- und Senkwehen verspürte, von denen ich in der ersten SS verschont blieb. In der Nacht von Sonntag zu Montag hielten mich diese gemeinen Kontraktionen sogar ab 4 Uhr wach. Auch das wirkte auf mich noch nicht ungewöhnlich. Als ich am Morgen dann auf Toilette ging und leichtes Blut am Toilettenpapier sah, wurde ich stutzig. Als ich beim Aufstehen dann auf dem Toilettenrand einen kleinen Schleimklumpen sah, wurde ich ziemlich nervös - der Schleimpfropf ging ab! Ich googelte wie eine Verrückte und las allzu oft, dass es bei den meisten dann nicht mehr lange dauerte, bis die Geburt losging. Die Panik wuchs, denn den gesamten Montag hatte ich immer wieder Wehen und verlor Schleim. Mein Baby darf jetzt noch nicht kommen! Meine Große war selbst nach ET noch so klein und leicht und auch jetzt hat mir die Frauenärztin schon prognostiziert, dass die kleine Schwester es der großen nachmacht. Ich möchte kein Frühchen bekommen. Man liest in dem Zusammenhang immer von Anpassungsschwierigkeiten und Atemproblemen und dass sie eine Weile im Krankenhaus bleiben müssen. Wenn es nur das gewesen wäre, denke ich jetzt im Nachhinein…
Als ich am Montag um 22 Uhr ins Bett ging, schlief ich exakt bis 0 Uhr, als die Wehen deutlich und regelmäßig alle 10 min kamen. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Während ich wach lag, grübelte ich, was wohl das klügste wäre - Hebamme kontaktieren, die Frauenärztin anrufen oder gleich ins Krankenhaus fahren? Zu allem Überfluss war meine Große krank, sodass die Situation erschwert wurde. Mein Mann hätte an dem Dienstag ein Seminar gehabt. Ich habe ihn dann am Morgen gebeten, dieses Abzusagen und mit mir und der Großen ins Krankenhaus zu fahren um zumindest mal abklären zu lassen, was bei mir los war. Dort angekommen wurde ich erstmal ans CTG angeschlossen, was wundervolle Herztöne und keine Wehen anzeigte… Wir malten also bei jeder mich überkommenden Wehe einen Strich auf das Papier. Nebenbei wurde versucht, mir einen Zugang zu legen. Das tat total weh und klappte dann noch nicht mal, also musste der andere Arm herhalten. Das Blut spritzte nur so herum, aber dieses Mal klappte es immerhin. Nach einer Stunde stellte die Hebamme dann fest, dass meine Wehen schon sehr regelmäßig sind und tastete nach dem Muttermund, der tatsächlich 3-4 cm geöffnet war. Danach wurde ich zur gynäkologischen Untersuchung weitergeschickt. Die beiden Ärztinnen schallten mich sehr ausgiebig und vermaßen mein Baby. Sie schätzten es auf ca. 2,5 kg, was mir gleich viel zu schwer vorkam. Dann redeten sie davon, dass ich mich unter der Geburt befinde und einen Kreißsaal bräuchte. Da habe dann auch ich verstanden, dass mein Baby tatsächlich den Tag kommen wird. Ich rief schnell meinen Vater an, damit er sich um die Große kümmern und mein Mann mich bei der Geburt unterstützen kann. Schließlich hatte Opa noch 2 h Autofahrt vor sich. Mein Mann fuhr mit unserer Tochter erst einmal nach Hause und wartete auf ihn. Im Kreißsaal setzte ich mich dann gemütlich auf das Bett und tippte die ganze Zeit Nachrichten auf meinem Handy. Bei einer Wehe stand ich immer wieder auf und veratmete sie an einem von der Decke hängenden Tragetuch. Das ging echt super und ich war wieder die Entspannung in Person. Die Wehenpausen waren im Vergleich zur ersten Geburt erholsam lang und die Wehe selbst dauerte nur kurz an. Nachdem ich eine gute Stunde veratmet habe, überprüfte die Hebamme noch einmal meinen Muttermund, der sich nun bei 5-6 cm befand. Halb 1 traf mein Vater bei meiner Familie ein - es war ein perfektes Timing. Ich bat mein Mann, zu mir zu kommen, damit mir nicht so langweilig ist. Ich rechnete damit, dass ich mein Baby nicht vor 16 Uhr bekomme. Als mein Mann mich in einer nächsten Nachricht fragte, ob er schnell noch etwas essen könnte, wollte ich ihm zurückschreiben, dass er sich ruhig einen Happen in den Mund schieben kann. Plötzlich konnte ich aber nichts mehr erkennen, weil alles vor meinen Augen verschwamm. Dann kam die Hammerwehe - alles drückte nach unten. Ich klingelte wie wild nach der Hebamme und musste einfach schreien, weil ich den Schmerz nicht mehr aushalten konnte. Endlich kam sie und überprüfte meinen Muttermund, der nun komplett offen war. Es ging los! Ich brauchte, glaube ich, zwei Presswehen, um die Fruchtblase zum Platzen zu bringen. Der erste Druck war damit genommen und ich fühlte mich deutlich besser. Mit der nächsten Wehe drückte ich das Köpfchen raus. Leider musste ich dank meiner langen Wehenpausen recht lange auf die nächste Wehe warten, während untenrum alles maximal gespannt war… Doch dann kam die alles erlösende Wehe und Nika war da - am 28.06.16 um 13.39 Uhr. Ich war so froh und erleichtert und schwor mir, dass dies meine allerletzte Geburt war. Auch wenn alles traumhaft ablief, tat es eben einfach ziemlich weh. Mein Baby wurde mir dann auf die Brust gelegt und in dem Moment traf dann auch mein Mann ein, der das Spektakel verpasst hatte - und das, obwohl er doch nichts mehr gegessen hatte. Dafür durfte er beim Nähen zusehen. Bei dieser Geburt bin ich deutlich mehr gerissen, als bei der ersten, obwohl mein Baby kleiner war. Ich legte meine Süße zum Stillen an und nach einer Weile schaffte sie es tatsächlich ein bisschen zu saugen. Ich war so glücklich und so unglaublich verliebt. Nach 1,5 h wurde bei Nika dann die U1 gemacht. Da sie nur 1860 g wog und 46 cm groß war, wurde mir gleich gesagt, dass sie auf die Frühchen-Normalstation muss. Ich hatte direkt ein mulmiges Gefühl, weil ich doch mein Baby bei mir behalten wollte. Ich lag mit Nika kuschelnd auf meinem Krankenhausbett, als mein Vater und meine Große in den Kreißsaal kamen. Es war das einzige Mal, dass meine Große ihre kleine Schwester gesehen und berührt hat…
Nika wurde auf die Frühchenstation gebracht und ich stattdessen mit meiner großen Tochter auf dem Bett ins Patientenzimmer geschoben. Sie fand das total toll, durch die Flure zu fahren, während ich mich bereits zusammenreißen musste, nicht zu heulen…
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:52
Kapitel 5 - Der Alptraum beginnt

Etwa eine Stunde, nachdem Nika uns entwendet wurde, konnten wir sie besuchen. Für mich war es ein furchtbarer Anblick. Sie war eigentlich nur an einen Monitor angeschlossen, der Herzfrequenz, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz und Blutdruck anzeigte. Aber die Tatsache, dass sie verkabelt in einem Glaskasten lag, trieb mir die Tränen in die Augen. Es wurde den Abend auch gleich der erste Ultraschall durchgeführt, der zwar Probleme aufzeigte, die jedoch für Frühchen nicht ungewöhnlich waren. Weiterhin mussten die Ärzte natürlich Blut entnehmen und auch ein Zugang im Köpfchen war gelegt worden. Ich dachte an meine Handgelenke, die mir am selben Morgen für einen Zugang zerstochen wurden und konnte mir ansatzweise vorstellen, dass es für so ein kleines Würmchen wohl furchtbar gewesen sein musste… Mittlerweile plagte mich ordentlich der Hunger und ich ging erstmal in mein Zimmer, um etwas zu essen. Die Schwestern versprachen mir, dass sie mich sofort holen, sobald Nika wach ist, damit ich mit ihr kuscheln und sie stillen kann. Das beruhigte mich erstmal. Erst irgendwann in der Nacht war es so weit. Vorher habe ich natürlich des Öfteren vorbeigeschaut - aus Angst, man würde mir einfach nicht Bescheid sagen. Außerdem vermisste ich sie so schrecklich. Die Schwester meinte, dass Nika nur eine halbe Stunde aus ihrem Wärmebettchen raus darf, aber freundlicher Weise durften wir dann sogar eine gute Stunde kuscheln. Ich habe auch wieder versucht, sie anzulegen und nachdem sie den Weg gefunden hatte und bemerkte, was es mit der Brust auf sich hat, trank sie, wenn auch zaghaft. Es war alles so schön und ich war erstmal wieder positiv eingestellt. Ich legte mich danach in mein Zimmer, um noch ein wenig zu schlafen. Um 6 Uhr morgens kam die Schwester wieder zu mir und holte mich, damit ich meine Kleine wieder kuscheln und stillen konnte. Ich ging zurück ins Zimmer zum Frühstücken. Alles war gut. Und dann plötzlich bekam ich Besuch von der Ärztin der Frühchenstation…
Sie erzählte mir, dass Nikas Sauerstoffsättigung immer mal wieder abgefallen sei und dass sie nun auf die Intensivstation gebracht wurde, damit sie besser beobachtet werden konnte. Noch eben schwamm ich auf einer Welle voll Oxytocin und plötzlich brach alles unter mir ein. Ich nickte der Ärztin nur zu, wartete, bis sie ging und fing einfach nur an zu heulen (ich war zum Glück allein in einem Zweibettzimmer). Nika hatte auf der Normalstation einen selbstgestrickten Schlafsack an, der mir gebracht wurde und den ich behalten konnte. Es hieß, dass das Personal von der ITS etwa eine Stunde braucht, um alles anzuschließen und Nika fertig zu machen. Danach bin ich direkt zu ihr gegangen. Der Anblick war in etwa der gleiche, wie auf der Normalstation, aber klar war, dass es nun nicht mehr ging, dass sie einfach aus ihrem Glaskasten herausgenommen wurde, damit ich sie stillen konnte.
Ich gewöhnte mich relativ schnell an den neuen Schock, aber gerade, als ich mit der einen furchtbaren Situation meinen Frieden gemacht habe, kam der nächste Knaller. Als ich Nika abends noch einmal besuchte, war das Bild plötzlich ein anderes: Das Wärmebett wurde gegen einen Brutkasten getauscht und sie hatte eine CPAP-Atemmaske auf. Außerdem steckte eine Magensonde in ihrem Mund. Ich musste sofort raus dort. Ich konnte diesen Anblick nicht ertragen. In dem Moment war ich einfach nicht stark genug, um bei meinem Kind zu bleiben. Ich heulte den ganzen Abend in meinem Zimmer und schlief irgendwann vor Erschöpfung ein. Plötzlich ging nachts die Tür auf und man sagte mir, dass ich ab jetzt mein Zimmer mit einer Mutter und ihrem Kind teilen würde. Das löste erst einmal deutliches Unbehagen in mir aus. Ich hatte keinen privaten Rückzugsort mehr, um meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Und würde ich das überhaupt aushalten können, wenn ich sehe, wie eine Mutter ihr Kind rund um die Uhr bei sich hat, es kuscheln, stillen und wickeln kann?
Den nächsten Morgen wartete ich erstmal auf meinen Mann, damit wir zusammen zu unserer kleinen Tochter gehen können. Ich brauchte seine starke Schulter, weil ich einfach Angst vor dem hatte, was mich erwarten könnte. Einer der Oberärzte suchte dann auch direkt das Gespräch mit uns und wir erfuhren, was bisher alles diagnostiziert wurde: Zum einen hatte sie eine Auffälligkeit im Gehirn. Der hintere Teil des sogenannten Balkens fehlte. Es hieß, dass dies völlig bedeutungslos sein kann oder eben nicht. Weiterhin war Nikas Duktus, also eine Verbindung zwischen Herz und Lunge, offen. Auch das ist nicht ungewöhnlich, kann aber in dem jetzigen Stadium Probleme machen. Zudem hatte sie kleine Löcher im Herzen, die ebenfalls ohne Bedeutung sein können oder halt nicht. Die Humangenetikerin wurde hinzugezogen, da der Verdacht von Trisomie 21 im Raum stand und man mit ihrem Blut einen Chromosomentest machen wollte. Probleme mit dem Darm wurden auch festgestellt, was sich daran zeigte, dass die Windeln im Grunde immer leer blieben. Die Ärzte gingen zu dem Zeitpunkt aber nicht davon aus, dass sie es nicht schaffen könnte. Wir hielten daran fest und hofften einfach weiter das Beste. Der Tag verging ohne weitere Besonderheiten und als meine Familie weg war, trieb mich am Abend mein Mutterinstinkt zu meiner kleinen Tochter. Ich hielt nur kurz ihr Köpfchen und ihre Hand, da kam der Oberarzt, um einen ausgiebigen Ultraschall von ihrem Kopf und Herzen zu machen. Nika fand das sehr unangenehm, verzog immer wieder ihr Gesicht und Tränen standen ihr - wahrscheinlich nur durch die Beleuchtung - in die Augen. Ich stand nur daneben und konnte nichts tun. Durch das Schallen war an ihrem Körper keine Stelle zugänglich, an der ich sie berühren und ihr das Gefühl geben konnte, dass ich da war. Es war so schlimm, dies mit ansehen zu müssen. Und doch konnte ich nicht einfach wieder heulend raus rennen. Ich blieb da und weinte und schluckte meinen Schmerz herunter. Der Arzt sagte dann nur, dass sich leider nichts bei Nika gebessert hat. Das klang so unfassbar negativ. Er versuchte mich mit belanglosen Fragen über meine große Tochter und den Wohnsitz meiner Eltern abzulenken, aber ich konnte eigentlich gar nichts sagen. Erschwerend schwebte mir im Kopf, dass ich jetzt nicht weiß, wohin ich zum Heulen gehen soll. Mein Zimmer war belegt mit fremdem Besuch und auch sonst wusste ich keinen Ort. Ich merkte, dass ich am Durchdrehen war und kurz vor einem Zusammenbruch stand. Ich schloss mich auf einer Toilette ein und weinte, aber das war keine Lösung. Ich lungerte irgendwo auf den Fluren herum und versuchte, dieses grausame Gefühl in mir loszuwerden, aber nichts half. Was sollte ich tun? Ich brauchte Hilfe, professionelle Hilfe. Ich hoffte einfach, dass mich eine der Schwestern endlich heulend im Flur fand, weil ich nicht die Kraft besaß, auf jemanden zuzugehen. Irgendwann kam tatsächlich jemand und ich stammelte nur irgendwie die Worte heraus, dass ich dringend mit jemandem reden muss. Man versprach mir, die Gynäkologin zu kontaktieren, welche mich dann an die Psychologin weiter vermitteln würde. Ich wurde ins Stillzimmer geschickt, damit ich meine Ruhe haben konnte und dort wartete ich dann eine Stunde auf die Frauenärztin. Ich versuchte ihr zu erzählen, was los war und sie sah sofort ein, dass ich ein Fall für die Psychologin war. Leider war es Donnerstagabend und die Psychologin erst Montag wieder im Haus, sodass ich im Endeffekt doch wieder alleine war mit meinen Sorgen. Ich versuchte, positiv zu denken und mir zu sagen, dass ich für meine Tochter stark sein muss und alles gut werden wird. Langsam beruhigte ich mich auch wieder und schlief, wie jeden Abend, erschöpft mit Nikas Strickschlafsack im Arm ein.
Am nächsten Morgen plante ich, mich selbst zu entlassen. Ich musste raus aus diesem Krankenhaus. Gerade die Abende waren so schlimm, dass ich einfach meine Familie als Ablenkung brauchte. Und ich vermisste meine Große so sehr. Gleichzeitig wusste ich, dass es wahnsinnig schwer werden wird, den Spagat zwischen großer und kleiner Tochter hinzubekommen. Ich konnte nachts schließlich nicht mehr einfach zu Nika gehen. Bis Montag musste ich aber sowieso noch im Krankenhaus bleiben, weil ich zum einen noch eine Milchpumpe für zu Hause brauchte, den Termin mit der Psychologin hatte und auch auf die Ergebnisse des Chromosomentests wartete. Nach meinem Fast-Zusammenbruch am Donnerstag sah die Welt am Freitag generell wieder besser aus und ich hatte meine Gefühle weitestgehend im Griff. Mit meiner Zimmernachbarin verstand ich mich übrigens auch ganz gut und mich störte es auch nicht, dass sie ihr Baby bei sich hatte. Im Gegenteil - ich fand, es war eigentlich eine ganz süße Ablenkung. Man bot mir sogar an, in ein anderes Zimmer zu einer Mutti zu ziehen, die ihr Baby auch nicht bei sich hatte, aber das wollte ich nicht.
Am Wochenende wurde Nikas Beatmung noch einmal geändert und sie in ein anderes Zimmer gebracht, in dem mehr Platz war. Statt der Atemmaske bekam sie nun einen Tubus, durch den sie "intelligent" beatmet wurde. Auch wenn dies ein weiterer Rückschritt war, fand ich diesen Tubus viel angenehmer, da ihr Köpfchen nun wieder frei war zum Streicheln und auch ihr Gesicht nicht mehr von dieser Maske verdeckt wurde. Außerdem quälte sie sich damit deutlich weniger und man musste keine Angst mehr vor einem Sättigungs- und Atemfrequenzabfall haben. Mich beruhigte das etwas. Schließlich konnte sie so auch wichtige Kräfte schonen. Der Sonntag war dann wie ein Feiertag für uns. Wir durften nach Ewigkeiten endlich känguruen! Es war ein unglaublich tolles Gefühl, ihren kleinen Körper auf meiner Brust zu spüren und ihren Geruch einzusaugen. Ich musste wieder heulen, doch dieses Mal vor Freude. Ich wusste, so könnte ich es aushalten, egal wie lange sie noch auf der ITS bleiben muss. Auch am Montag konnten wir noch einmal kuscheln, bevor ich dann um halb 6 von meinem Mann und meiner Großen abgeholt wurde und heulend nach Hause fuhr…
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:53
Kapitel 6 - Der Alptraum geht weiter

Es fühlte sich falsch an. Wir waren wie immer zu dritt zu Hause, doch unser Baby fehlte und auf eine Schwangerschaft deutete bei mir auch nichts mehr hin. Ich hatte plötzlich ein Gewicht, dass ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr hatte und innerhalb weniger Tage nach der Geburt hatte sich bei mir alles zurückgebildet, so als wäre da nie ein Baby gewesen. Als dann zu Hause noch die ausgepackten Geschenke für Nika auf mich warteten, war es mal wieder endgültig vorbei mit mir. Ein Gefühl in mir sagte, dass sie all diese Sachen vielleicht niemals tragen wird und dann hasste ich mich direkt dafür, dass ich überhaupt an so eine furchtbare Option dachte. Außerdem machte mich das Chaos in der Wohnung fertig und ich musste erstmal motzend und meckernd aufräumen. Ich war so angespannt und wollte eigentlich gar nicht mürrisch sein, aber ich kam nicht dagegen an. Ich weiß ja, dass mein Mann sich Mühe gegeben hat, aber es war eben nicht meine Ordnung, die hier herrschte. Die Wäsche stapelte sich auch wieder und ich hätte am liebsten über Nacht alles gewaschen, damit sofort alles ordentlich ist. Eine weitere Herausforderung war es, das Abpumpen zu timen. Ständig saß ich an dieser Pumpe und auch nachts musste ich dafür aufstehen, was meiner Großen oft missfiel. Morgens fiel auch das Kuscheln mit ihr aus, weil ich mich direkt an die Maschine setzte, um nicht zu platzen. Da zwischen 8.30 und 10 Uhr die ärztliche Visite auf der ITS stattfand, wollten mein Mann und ich morgens zu 10 Uhr zum Krankenhaus, um unsere Süße zu besuchen. Eine halbe Stunde vorher rief uns jedoch bereits die Ärztin an. Nika hatte Magenblutungen. Sie vermuteten, dass sich vielleicht irgendwo im Magendarmtrakt etwas staut und wollten dies nun mit Kontrastmittel und Röntgen überprüfen. Dazu brauchten sie uns für ein Aufklärungsgespräch. Wir fuhren direkt los, da wir eh schon so gut wie auf dem Weg waren.
Neben dem Röntgengespräch erfuhren wir an dem Morgen auch, dass der Genetiktest keine chromosomalen Auffälligkeiten ergab. Das war zwar erleichternd, bedeutete aber auch, dass die Ärzte weiterhin im Dunkeln tappten. Ich konnte die Magenblutungen gefühlsmäßig noch nicht einordnen, war mir jetzt aber sicher, dass das ein Zeichen von Nika an die Ärzte war, damit sie wissen, wie sie weitermachen sollen.
Am Abend klagte mein Mann dann über diverse Erkältungssymptome, was für mich erschwerend bedeutete, dass ich es nun irgendwie allein schaffen musste, mich um meine beiden Kinder zu kümmern, nebenbei das lästige Abpumpen hinzukriegen und auch mich nicht zu vergessen… Den nächsten Tag machte ich also die Große morgens fertig, brachte sie in die Kita und machte mich alleine auf den Weg ins Krankenhaus. Kaum angekommen wurde ich regelrecht überfallen. Es hieß, dass in Kürze eine OP für Nika angesetzt wurde, die eigentlich schon längst überfällig war. Von all meiner abgepumpten Milch hatte sie vereinzelt immer mal 2 mL über ihre Magensonde erhalten. Allerdings konnte diese nie richtig verdaut werden, was sich an rückfließender Galle bemerkbar machte. Dieser Rückfluss gipfelte dann den Vortag in einer Magenblutung. Die Röntgenaufnahmen haben gezeigt, dass das Kontrastmittel nie den Darm erreichte und irgendwo im Magen versickerte. Es bestand akuter Handlungsbedarf und ich wartete nun auf den Chefchirurgen für ein Aufklärungsgespräch. Man sagte mir, dass sie nicht wissen, was in meinem Kind los sei und deswegen in sie hineingeschaut werden müsse, um sich ein Bild machen zu können. Davon hinge dann eben auch ab, ob die OP einfach oder kompliziert werden würde. Ich nahm alles mit einem Kopfnicken auf und war erstaunlich ruhig. Es war zwar eine OP, aber sie war notwendig und es würde endlich mal vorangehen. Wenn Nika dann Nahrung bekommen könnte, würde sie auch endlich mal zu Kräften kommen und könnte ihre anderen Probleme möglicher Weise besser bewältigen. Ich legte viel Hoffnung in diese OP. Der Chirurg sagte mir noch, dass gleich noch das Narkoseteam mit mir sprechen würde zwecks Aufklärung. Ich wartete also. Mittlerweile war es 13 Uhr und ich musste meinem Mann sagen, dass er unsere Große aus der Kita abholen müsse. Ich wartete weiter auf die Anästhesisten. Kurz vor 2 fragte ich mich, ob überhaupt noch jemand käme und kam auf die geniale Idee, einfach mal jemanden zu fragen, ob die OP vielleicht schon im Gange wäre. Eine Schwester warf einen kurzen Blick in das provisorische OP-Zimmer auf der ITS und bestätigte meine Vermutung. Ich war irgendwie froh, dass ich vermutlich den größten Teil der OP bereits mit sinnlosem Warten überbrückt hatte, anstatt nervös Furchen in den Boden zu laufen. Ich entschied mich, erst einmal nach Hause zu fahren und auf den vom Chirurgen versprochenen Anruf direkt nach der OP zu warten.
Zu Hause saß ich noch eine Stunde nervös auf dem Sofa und wusste nichts mit mir anzufangen, bis endlich mein Telefon klingelte! Die OP verlief gut und es war auch kein komplizierter, jedoch seltenerer Fall. Nikas Zwölffingerdarm hat sich wohl um ihren Dünndarm geschlungen, sodass die Nahrung nicht weiter durch den Darm transportiert werden konnte. Die Chirurgen konnten alles zu ihrer Zufriedenheit beheben und ich war unheimlich erleichtert. Jetzt geht es sicher endlich bergauf! Für die Wundheilung müsse man allerdings etwa 3 Tage Zeit mit einberechnen. Dann könnte man, wenn alles gut läuft, auch langsam mit Nahrung beginnen. Am Abend fuhr ich noch mal zu meiner Süßen, um sie zu streicheln und ihr zu sagen, dass sie wahnsinnig tapfer war und alles ganz toll gemacht hat.
Die ersten Tage sah alles gut aus. Ihr Kreislauf hat die OP gut mitgemacht und gegen Pinkelprobleme gab es einen Blasenkatheter. Was allerdings auffiel, war, dass Nika begann Wasser einzulagern. Ihre Arme und Beine, die vorher wortwörtlich nur Haut und Knochen waren, sahen plötzlich halbwegs normal aus. Das war allerdings eine durchaus normale Reaktion des Körpers auf solch eine OP. Freitagnachmittag packte mich eine seltsame Unruhe und ich musste mein Baby einfach noch mal sehen. Die zuständige Oberärztin kam wenig später auf mich zu und suchte das Gespräch. Man hatte eine Thrombose in Nikas Gehirn entdeckt. Sie wüssten nicht, woher diese käme und wollten mit Heparin behandeln, damit sie nicht größer werden würde. Gleichzeitig bekam Nika allerdings auch Mittel zur Förderung der Blutgerinnung und gelegentlich Thrombozyten. Dieses Kind war ein einziger Widerspruch. Ich fuhr nach Hause und musste mal wieder weinen.
Am Wochenende wurde das Pflaster auf ihrer OP-Wunde entfernt und ihr wieder etwas Milch gegeben. Wir durften übrigens auch wieder zwei Tage hintereinander kuscheln. Zwar konnte sie mir nicht nackt auf die Brust gelegt werden, aber immerhin durfte ich sie auf ihrer Matratze auf dem Schoß haben. Ich war für jeden nur möglichen Kuschelmoment dankbar und mal wieder voller Hoffnung. Wie immer nach solchen Momenten wurde mein Optimismus schnell zerstört. Die Thrombose machte keine Probleme und Nikas Gehirn wurde vorbildlich versorgt. Leider lief bald Sekret aus ihrer Wunde. Die Chirurgen beobachten dies erst einmal, doch als es immer mehr wurde und Tests zeigten, dass es sich dabei nicht nur um Wundflüssigkeit, sondern auch Pankreassekret handelte, wurde die Lage deutlich ernster. Dienstag 21 Uhr erhielt ich einen Anruf der Chirurgen, dass sie sofort eine OP machen, weil weiteres Warten unverantwortlich wäre. Dieses Mal war ich sehr nervös. Obwohl ich müde war, blieb ich wach, weil ich den Anruf nach der OP abwarten wollte und musste. Ich hatte wahnsinnige Angst. Gerade als ich mich ins Bett legen wollte, klingelte 1 Uhr nachts mein Telefon. Man sagte mir, dass trotz erfolgreicher erster OP die Nähte innen aus irgendeinem Grund wieder aufgegangen seien und daher Pankreassekret ausgetreten wäre. Weiterhin hat dieses Sekret angefangen, Nikas Verdauungsorgane anzudauen, was natürlich dazu führt, dass alles noch poröser ist. Die Wassereinlagerungen haben eventuell auch dazu beigetragen, dass die Nähte nicht hielten. Ich musste schlucken. Der Chirurg klang auch alles andere als optimistisch. Ich bedankte mich, legte auf und weinte. Mir wurde das erste Mal so richtig bewusst, dass wir unser Baby verlieren könnten.
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:53
Kapitel 7 - "Wir machen uns große Sorgen."

Ich bat meinen Mann inständig, am nächsten Tag trotz der Tatsache, dass er sich nicht gut fühlte, mit ins Krankenhaus zu kommen. Ich würde zusammenbrechen ohne ihn. Zum Glück hatte er ein Einsehen, denn es gab ein großes Gespräch mit den zuständigen Ärzten und Chirurgen. "Wir machen uns große Sorgen", lautete der O-Ton des Oberarztes. Ich wusste es zwar, las es schon an ihren Gesichtern ab, aber diesen Satz zu hören, verpasste mir einen Stich ins Herz. Ich weinte einfach nur und überließ meinem Mann das Reden, der allerdings auch nicht allzu viel sagen konnte. Danach gingen wir unsere kleine Tochter besuchen, die mittlerweile extrem aufgequollen war durch die Wassereinlagerungen. Ich saß bis abends an ihrem Bett und weinte nur noch. Mein Mann musste erstmal wieder nach Hause. Schließlich hatten wir ja noch unsere große Tochter, die aus der Kita geholt werden musste und um die wir uns auch kümmern mussten und wollten. Um 18 Uhr konnte ich einfach nicht mehr. Ich war am Verhungern und total erschöpft. Ich ließ mich von meiner Familie abholen, aber mit Bauchschmerzen. Eigentlich konnte ich Nika nicht alleine lassen, aber ich merkte, wie ich an meine Grenzen stieß. Ich aß etwas, legte mich mit meiner Großen schlafen und fuhr den nächsten Tag zur gewohnten Zeit wieder ins Krankenhaus. Mein Mann, leider immer noch angeschlagen, versprach, dass er den Vormittag, wenn die Große in der Kita ist, zum Ausruhen nutzen und dann am Nachmittag im Krankenhaus aufschlagen wird. Ich bat meine beste Freundin, die ich den gesamten Zeitraum über alles unmittelbar auf dem Laufenden hielt, währenddessen auf unsere Große aufzupassen. Kurz bevor mein Mann kam, war mal wieder ein Chirurg bei mir und informierte mich, dass den nächsten Tag eine große OP geplant war, die ihnen und auch Nika alles abverlangen wird. Er malte mir ein Bild ihres Verdauungstraktes auf und erklärte mir, was wo abgeschnitten, entnommen und wieder miteinander vernäht werden wird. Weiterhin fielen Worte wie "risikoreich", "fürs Leben bleibend" und "für nichts garantieren". Er erzählte zwar auch, dass sie versuchen, die entstandenen Löcher noch einmal neu zu vernähen, was möglicher Weise "nur" 4 Stunden gedauert hätte, aber mir und auch dem Chirurgen war klar, dass es die stark invasive 8-Stunden-OP werden wird. Natürlich war ich maximal in Panik, aber es war ihre letzte Chance… Als mein Mann dann auftauchte, konnte ich gar nicht alles wiedergeben, was mir gesagt wurde, also holte der Chirurg seine Zeichnung hervor und erklärte meinem Mann noch einmal alles. Danach wollte ich eigentlich mit der Psychologin reden, die auf mich wartete, aber dieses Mal sollten wir dann doch zu einem Aufklärungsgespräch mit den Narkoseärzten, sodass ich auch dieses Gespräch wieder auf verschieben musste. Leider raubte uns das Warten auf das Narkosegespräch relativ viel Zeit, die ich lieber bei Nika gesessen hätte, um ihr Kraft zu geben. Außerdem verlangte unsere Große, die allmählich müde wurde, nach uns, sodass wir erneut mit Bauchschmerzen nach Hause fuhren. Ich wusste, dass ich den nächsten Tag erst nach der OP die Chance haben würde, meine Kleinste zu sehen. Und vorher würde ich nervös in der Wohnung auf und ab laufen und die Zeit würde nicht vergehen wollen…
Um 9 Uhr am nächsten Tag sollte die OP starten. Es war die Zeit, als ich meine Große zur Kita brachte. Ich wurde unruhig und versuchte meine Energie anderweitig raus zulassen. Ich saugte die Wohnung, wischte, putzte, räumte auf, ging einkaufen. Bedauerlicher Weise konnte mich das alles nicht länger als 3 h ablenken. Ich rechnete mir aus, wann ich ungefähr einen Anruf erwarten konnte. Nicht vor 15 Uhr. Es war noch so viel Zeit. Halb 3 traf wieder meine beste Freundin bei uns ein, die unsere Große ein wenig beschäftigte, während mein Mann und vor allem ich gar nicht mehr wirklich geistig anwesend waren. Ab 16 Uhr konnte ich wirklich nur noch auf dem Kinderzimmerteppich auf und ab rennen. Es war halb 6, als endlich der Chirurg anrief. Die OP ist erfolgreich verlaufen, aber seine Stimme klang bedrückt. Er sagte, dass alles vernäht wurde und "trocken" ist, aber das natürlich schon einiges an Schaden entstanden ist und wir weiter auf Glück hoffen müssten und schauen müssen, wie Nika die OP verkraftet. In frühestens 1,5 h könnten wir außerdem zu ihr. Natürlich besuchte ich sie abends noch und war einfach nur froh, dass sie noch da war und streichelte sie. Ich wusste nicht, was ich angesichts dieser Situation noch empfinden sollte und so beschloss ich, einfach nur zu hoffen und zu beten, dass sie irgendwann gesund wird und für jeden Moment, den ich sie berühren kann, dankbar zu sein.
Mal wieder war es Wochenende und wie schon die beiden vorigen Wochenenden kamen unsere Eltern als Unterstützung - vor allem um uns die Große abzunehmen - zu uns. Samstag früh bekam ich erstmal wieder einen Anruf, dass Nika anfing aus ihrer Wunde und aus dem Mund zu bluten. Weil die Ärztin mir das aber fröhlich durch den Hörer zwitscherte, fing ich erstmal nicht an, mir größere Sorgen zu machen. Mein Mann wartete auf unsere Eltern, während ich mich gleich auf den Weg ins Krankenhaus machte. Ironischer Weise blutete mein Kind zwar, aber sämtliche, permanent überprüfte Parameter waren wie immer in Ordnung. Dieses Baby war ein einziges Rätsel. Durch die Gabe von Blutkonserven konnte sie stabil gehalten werden und die Blutung wurde auch erst einmal weniger. Am Abend war ich mal wieder unglaublich müde und wollte mich gerade ins Bett zu meiner Großen legen, als ich erneut einen Anruf bekam. Nikas Blutung ist wieder stärker geworden. Sie bekommt zwar Bluttransfusionen, aber im Grunde geht das, was in sie rein gepumpt wird direkt aus ihrer Wunde und dem Mund wieder heraus. Wir sollen vorbei kommen. Zitat: "Es kann sein, dass sie heute Nacht stirbt." Ich dachte, ich höre nicht richtig. Mir war klar, dass diese Möglichkeit längst bestand, aber wenn es ausgesprochen wird, ist es noch mal etwas völlig anderes. Ich war froh, dass meine Eltern bei uns übernachteten und so auf unsere große Tochter aufpassen konnten. Ich schnappte mir meinen Mann und wir fuhren unverzüglich los. Den Weg zur ITS konnte ich kaum laufen. Ich wurde immer langsamer und merkte, wie meine Beine versagen wollten. Es war alles so unwirklich. Was würde mich gleich erwarten? Schon am Morgen lag Nika nur noch alleine in dem Zimmer - wahrscheinlich in weiser Voraussicht. Um sie herum waren zwei besorgte Schwestern, die fleißig versuchten, die Blutungen in Schach zu halten, und ein besorgter Arzt, der kaum die richtigen Worte fand, um mit uns zu reden. Wieder einmal traten die Chirurgen ins Zimmer ein, die direkt in dem Raum anfingen, eine Not-OP vorzubereiten. Mein Mann und ich hielten Nikas Hand und Kopf, bis wir dann notwendiger Weise aus dem Zimmer geschickt wurden. Die quälende Wartezeit überbrückten wir mit einem Kaffee aus dem Automaten. Wir wollten nicht, dass unser Baby stirbt und doch war uns im Inneren klar, dass es nahezu unmöglich ist, dass der Ausgang ein anderer sein wird. Wenn nicht heute Nacht, dann morgen, übermorgen oder sonst wann. Um 2 kam der Chirurg auf uns zu und sagte uns das für mich in dem Moment Unfassbare: Er konnte die Ursache finden und die Blutung stoppen. Ich wusste mal wieder nicht, was ich davon halten sollte. Selbstverständlich war ich froh, dass unsere Süße immer noch am Leben war und sich nicht auf diese Art aus dieser Welt verabschiedet hat, aber gleichzeitig ging dieses zermürbende Hoffen auf eine eigentlich unmögliche positive Wendung weiter. "Solange sie noch lebt, hoffe ich weiter und bin an ihrer Seite", hatte ich mir geschworen. Den nächsten Tag grübelten wir, während wir - ich heulend - an Nikas Bett saßen, wie wir unsere Große unter der Woche unterkriegen, falls wieder solch eine Situation eintritt. Seit der Geburt hat sie das erste Mal ein paar Nächte ohne mich verbracht, aber richtig allein mit Oma und Opa war sie noch nie. Wir hatten keine wirkliche Wahl und entschieden uns, dass meine Eltern sie bis Dienstag mit nach Hause nehmen und für sich einen Krankenschein holen. Ab Dienstag würde sie dann mit den Eltern von meinem Freund wieder bei uns sein. Am Sonntag kamen beide Omas und Opas noch mal ins Krankenhaus, um Nika zu sehen, unwissend, dass es ein Abschied für immer war. Als meine Eltern sich dann von mir verabschiedeten, heulte ich das erste Mal nicht wegen Nika, sondern wegen meiner Großen. Sie den Großeltern bis Dienstag mitzugeben, war jedoch die absolut richtige Entscheidung…
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 10:54
Kapitel 8 - Was bleibt, ist die Erinnerung

Da wir nun mit unserer Zeit flexibel waren, fuhren mein Mann und ich am Sonntag noch einmal spät abends ins Krankenhaus. Wir wollten Nika zeigen, dass wir jetzt rund um die Uhr für sie da sein können. Außerdem hatten wir Angst, dass wieder so etwas wie die Nacht davor passiert und wollten gleich vor Ort sein. Aber dieses Mal war alles gut. Unser Baby schlief friedlich und wir fuhren nach einiger Zeit wieder nach Hause, um ebenfalls zu schlafen. Den nächsten Morgen fuhr ich zur gewohnten Zeit zum Krankenhaus, mein Mann lag noch im Bett. Ich sah mein Kind und fand, dass sie heute irgendwie besser aussah. Die Haut war rosig und ich hatte das Gefühl, dass sie minimal weniger aufgequollen war als die Tage davor. Aber etwas anderes war seltsam: Der Monitor konnte Blutdruck, Herzfrequenz und Atemfrequenz nicht mehr anzeigen, weil die Ableitungen einfach nicht mehr funktionierten. Dann zeigte mir die Schwester noch Nikas rechte Hand, die tief lila gefärbt war und wie abgestorben aussah. Den Tag zuvor war dort noch ein Zugang, aus dem immer wieder vergeblich versucht wurde, Blut zu gewinnen. Die Gefäße hatten sich vermutlich so weit verengt, dass der Blutfluss dorthin lahm gelegt wurde. Ihre Hand so zu sehen, war ein furchtbarer Anblick und mir schwante nichts Gutes. Ich schrieb meinem Mann, der sich sofort auf den Weg zu uns machte. Als er gegen 11 Uhr eintraf, kam die zuständige Oberärztin und erzählte uns den aktuellen Stand der Dinge. Sämtliche Parameter waren in Ordnung, sie pinkelte fleißig, aber optisch wirkte Nika eben sehr krank. Ich warf in dem Moment einen Blick auf mein Kind und erschrak. Sie quoll plötzlich noch stärker auf und ihr Körper wurde binnen Sekunden überall blau. Man konnte dabei zusehen. Zwei Ärzte wurden geholt, die ihren Körper schallten um zu schauen, ob sich irgendwo Thrombosen gebildet haben und wie das Herz arbeitet. Es sah alles bestens aus, nur unser Kind nicht. Dann wurde noch versucht, erneut Blut abzunehmen, um noch einmal das Blutbild zu überprüfen. Es war ein Krampf, aber es reichte für die Blutgasanalyse aus. Die Oberärztin kam mit den Ergebnissen zurück und erzählte, dass Nikas pH-Wert im sauren Bereich liegt. Sie würden versuchen, noch einmal Blut abzunehmen und wenn sich der Wert dann nicht gebessert hat, "dann geht das nur noch wenige Stunden gut". Bei mir drehte sich alles. Nun war es eindeutig und jegliche Hoffnung zerstört. Unser Baby wird sterben… Kurz zuvor haben wir noch mit der Psychologin geredet, die uns erzählte, wie es abläuft, wenn das Kind palliativ begleitet wird. Sie räumte jedoch gleich ein, dass wir ja noch nicht an diesem Punkt angelangt sind und schon da dachte ich, dass wir wahrscheinlich unmittelbar davor stehen. Auch die zweite Blutgasanalyse sah schlecht aus. Die Oberärztin schaute auf unser Baby, dann auf uns und sagte: "Sie kann einfach nicht mehr…" Auch die Chirurgen kamen noch einmal ins Zimmer und erklärten uns, dass auch sie nichts mehr für unsere Tochter tun können. Mittlerweile war es halb 3 nachmittags und der Zeitpunkt gekommen, unsere Nika in ihren letzten Lebensstunden zu begleiten. Ein Krankenhausbett wurde für uns ins Zimmer geschoben und unsere Süße mit all ihren Kabeln darauf gelegt, damit wir mit ihr kuscheln konnten. Für meinen Mann wurde später noch ein zweites Bett dazu geholt. Wir weinten viel, aber es gab auch immer wieder Momente, in denen wir ganz ruhig waren. Wir hatten ein paar Pixi-Bücher von unserer Großen mitgenommen, die wir Nika vorlasen. Ich sang ihr, wie so oft, Lieder vor und kuschelte mich ganz dicht an sie und küsste sie. Die Ärzte erklärten das weitere Vorgehen: Nach und nach werden die Kreislauf stabilisierenden Medikamente herunter gefahren, die ihren Herzschlag künstlich aufrecht erhielten. Auch die Atemfrequenz und der Sauerstoff werden langsam eingedämmt. Wenn sie dann unmittelbar vorm Sterben ist, werden alle Kabel und Schläuche gezogen und sie wird mir in die Arme gegeben, wo sie dann in Liebe und Geborgenheit für immer einschlafen kann…
Wir haben an keinem Tag aufgehört, auf ein Wunder zu hoffen. Unser Baby war in einem der besten Krankenhäuser, doch Nika konnte nicht geholfen werden. Das Wunder, das sie uns noch bescheren konnte, war der perfekt ausgesuchte Zeitpunkt zum Sterben. Sie wollte nicht Samstagnacht verbluten. Sie hat überlebt, damit sich am Sonntag noch alle von ihr verabschieden konnten. Sie wartete, bis Mama und Papa die Zeit hatten, rund um die Uhr bei ihr zu sein und die letzten Stunden mit ihr zu verbringen. Die Oberärztin hätte erwartet, dass Nika bereits Sonntag die erwähnten Symptome zeigt. Es war untypisch, dass ihr Körper erst am Montag reagierte. So vieles bei ihr war untypisch und ihre Reaktionen unvorhersehbar und unerwartet. Sie musste zu viel in ihrem kurzen Leben durchmachen. Ich verstehe, dass sie am Ende keine Kraft mehr hatte. Gerne hätte ich ihr gezeigt, dass das Leben auch schöne Seiten hat. Ich wünschte, ich hätte mehr für sie tun können…
Dienstag früh, am 19.7.16 um halb 3 zeigte der Monitor nur noch eine schwache Herz- und Atemfrequenz an. Der Zeitpunkt war gekommen, ihr den Tubus und damit auch ihre letzte Lebensgrundlage zu entfernen. Wir sollten entscheiden, wann wir für diesen Schritt bereit wären. Es war seltsam, diese Entscheidung zu treffen. Es fühlte sich so an, als würde man selbst in der Hand haben, wann Nika stirbt. Ich verwarf den Gedanken schnell wieder, denn ihr Tod war sowieso unumgänglich. Ich hatte jetzt Angst, dass sie stirbt, bevor sie in meinen Armen liegt, also wollte ich das Unausweichliche schnellstmöglich durchführen. Die zuständige Schwester - zufälliger Weise unsere Lieblingsschwester auf der Station - überreichte mir Nika und musste auch anfangen zu weinen. Sie umarmte mich und wünschte uns viel Kraft. Wir wissen nicht genau, wann unsere Süße tatsächlich ihren letzten Atemzug machte, aber es muss gegen 3 Uhr gewesen sein. Bis kurz nach 4 war sie in meinen Armen, dann kuschelte mein Mann noch eine Weile mit ihr. Unsere Lieblingsschwester machte noch ein paar Fotos von uns dreien, schließlich besaßen wir kaum welche. Wir hätten im Grunde so lange weiter kuscheln können, wie wir wollten, aber halb 6 entschieden wir uns schweren Herzens, nach Hause zu fahren. Wir waren nicht bereit, aber auch nach weiteren Stunden, Tagen oder Wochen wären wir das nicht gewesen. Wir machten die Zimmertür auf und gingen durch. Es fiel uns schwer, sie zu schließen. Minutenlang stand ich noch dort und habe auf das Bett geschaut, auf dem Nika lag. Wir gingen am Anmeldetresen vorbei und sagten den Ärzten, dass wir nun nach Hause fahren und dass wir uns gegen eine Autopsie bei unserem Baby entschieden haben. Sie musste schon so viel Leid ertragen… Wir wollten, dass man sie jetzt einfach mal in Ruhe lässt, auch wenn wir vielleicht die Chance verpasst haben zu erfahren, was sie für eine Krankheit hatte.
Wir setzten uns ins Auto und fuhren nach Hause. Es war wie an meinem Entlassungstag, aber dieses Mal wusste ich, dass mein Baby tatsächlich niemals nach Hause kommen wird und ich Nika nicht mehr besuchen kann, sie nie wiedersehen werde. Sie fehlt mir so… Zu Hause erinnerte nichts an sie. Sie war nie hier und alle Sachen, die exklusiv für sie gedacht waren, haben in eine Box gepasst. Manchmal kommt es mir vor, als wäre das alles nur ein böser Traum gewesen, als hätte sie nie existiert. Und dann wird mir wieder schmerzlich bewusst, dass es bittere Realität ist. Ich habe einen kleinen Schrein mit einer Kerze für sie hergerichtet und ein Plakat mit den wenigen Fotos, die wir von Nika haben, an die Wand gehängt. Ich habe wahnsinnige Angst, zu vergessen. Zu vergessen, wie sich ihr Köpfchen angefühlt hat. Zu vergessen, wie sie mich neugierig angeschaut hat. Zu vergessen, wie fest sie meinen Finger gedrückt hat. Es ist jetzt eine Woche her und ich merke bereits, dass der Schmerz etwas verblasst. Ich will das nicht. Ich will das alles nicht und ich wünschte, es wäre einfach nicht wahr. Nikas Tod hinterlässt für immer eine Lücke in unserer Familie und eine große Leere in unseren Herzen. Wir vermissen dich so sehr…
26.07.2016 10:56
Gemerkt!

Genki ich habe so am rande mitbekommen was euch passiert ist...
Es tut mir so unendlich Leid!
26.07.2016 11:23
Ich habe mir jetzt alles durchgelesen...
Was ihr da durchgemacht habt... Einfach nur schrecklich... Ich wünsche euch ganz viel Kraft!
Genki
2056 Beiträge
26.07.2016 11:30
Zitat von PittiPlatsch287:

Ich habe mir jetzt alles durchgelesen...
Was ihr da durchgemacht habt... Einfach nur schrecklich... Ich wünsche euch ganz viel Kraft!


Dankeschön, das ist lieb von dir!
Mathelenlu
46077 Beiträge
26.07.2016 11:36
Oh mein Gott, mir laufen die Tränen nur so runter... Es tut mir so entsetzlich leid.
floh83
6254 Beiträge
26.07.2016 11:38
Mein herzlichsten Beileid und ganz viel Kraft. Es ist so traurig,mir fehlen einfach die worte.
Katimini
1914 Beiträge
26.07.2016 11:58
Es tut mir so schrecklich leid für Euch, ich weiß gar nicht was ich mehr dazu sagen soll.
Du hast eine unglaubliche Stärke, dass Du Eure Geschichte hier so wunderbar geschrieben hast finde ich bemerkenswert.

Ich wünsche Euch für eure Zukunft alles erdenklich Gute, Euer Sternchen wird für immer auf euch Acht geben
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