Mir ist nicht mehr zu helfen!
Oder doch?
03.05.2016 10:01
Zitat von Pakuna:
Zitat von LIttleOne13:
Immer wenn ich deinen blauen Ticker sehe, bin ich total glücklich!![]()
Frag mich mal![]()
Vielleicht darf ich ja hier schonmal etwas vorgreifen, für den geneigten Leser![]()
LittleOne ist nämlich nicht ganz unschuldig daran, dass ich mein am Heimkehrtag gekauftes Flaschensammelsurium bereits am nächsten Tag in den Schrank räumen konnte![]()
Braucht jemand Flaschen?
![]()
Hol sie bald bloß wieder raus. Mach Dinge rein und einfach den Schüttelnverschluss rauf. Ist doch eine super Rassel und später kann deine Maus versuchen sie zu öffnen, dann sind vielleicht Möhren oder so da drin.
Ich hatte diesmal keine Flaschen geholt, nur zwei geschenkt bekommen. Er spielt gerne damit. Naja, außer das sie wegrollen und er nur Rückwärts voran kommt bringt ihn zur Zeit doch ab und zu zum meckern. Der kleine Muck ist da doch ab und zu frustriert.
03.05.2016 13:20
Pakuna, meine Hebamme hat letzte Woche beim GVK davon erzählt, wie sie das Bonding nach der Geburt reinszeniert, um Frauen dieses Erlebnis doch noch nachträglich zu geben, denen dies aufgrund einer unplanmäßig verlaufenen Geburt verwehrt blieb.
Sie berichtete davon, wie viele Frauen regelrecht geheilt würden indem sie zusammen mit der Frau das Kind zuerst badet und anschließend das noch nasse, warme Kind der nackten Frau auf die Brust legt, so wie es nach der Geburt gemacht wird. Danach verlässt sie leise den leicht abgedunkelten Raum und lässt die Frau mit ihrem Baby (und wenn es geht auch dem Partner) allein. Allein die Vorstellung das zu machen rührt mich irgendwie, vielleicht geht es dir ja ähnlich?
Seit letzter Woche muss ich immer wieder mal an den Bericht meiner Hebamme und an dich denken. Vielleicht ist das auch vollkommener Bullshit, den ich dir hier jetzt schreibe und du hast da keinen Nachholbedarf. Sollte das der Fall sein, ab in die Tonne damit
Ich freue mich übrigens ebenfalls sehr für dich, dass du deine Tochter stillst. Vielleicht macht diese Bindung zwischen dir und deinem Kind das Erlebte nicht vergessen, aber erträglicher.
Sie berichtete davon, wie viele Frauen regelrecht geheilt würden indem sie zusammen mit der Frau das Kind zuerst badet und anschließend das noch nasse, warme Kind der nackten Frau auf die Brust legt, so wie es nach der Geburt gemacht wird. Danach verlässt sie leise den leicht abgedunkelten Raum und lässt die Frau mit ihrem Baby (und wenn es geht auch dem Partner) allein. Allein die Vorstellung das zu machen rührt mich irgendwie, vielleicht geht es dir ja ähnlich?
Seit letzter Woche muss ich immer wieder mal an den Bericht meiner Hebamme und an dich denken. Vielleicht ist das auch vollkommener Bullshit, den ich dir hier jetzt schreibe und du hast da keinen Nachholbedarf. Sollte das der Fall sein, ab in die Tonne damit
Ich freue mich übrigens ebenfalls sehr für dich, dass du deine Tochter stillst. Vielleicht macht diese Bindung zwischen dir und deinem Kind das Erlebte nicht vergessen, aber erträglicher.
04.05.2016 09:44
Morly ich finde das total schön. Das wird jedem gut tun. Würde so etwas testen. So kuschelt man ja auch mal nackig am Anfang, ein Versuch ist es Wert und schön ist es sicher. Toller Tipp.
09.05.2016 13:34
Ich weiß grad nicht, ob soviel Text hier hinein passt
Teil 2
Meine Tochter wird weggebracht. Ich habe allerdings auch nicht das Gefühl, als ob ich jetzt ein Baby halten könnte. Dafür sitzt plötzlich mein Freund an meiner Seite und hält mir weiter die Pappschachtel an die Wange. Mir wird bewusst, dass er bei der „Geburt“ nicht dabei war. Er musste sich umziehen und in der Zeit wurde unsere Tochter aus meinem Bauch geholt. Ich versuche zu sprechen, krieg aber nur unverständlichen Kauderwelsch heraus, was an dem Mittel gegen die Übelkeit liegen muss. Ich zittere am ganzen Körper und kann das nicht kontrollieren. Durch das Zittern spannen sich sämtliche Muskeln an, was in meiner rechten Schulter bereits zu schmerzen beginnt. Von dem Zittern hatte ich gelesen. Woher kommt das? Ist das der Schock? Die Narkose? Jemand mit einem Fotoapparat kommt herein und hinter dem Tuch werden Bilder gemacht. Etwa von meiner Plazenta?? Ich werde angesprochen „Frau XXXX, der Befund hat sich bestätigt. Die Plazenta hat sich bereits teilweise abgelöst.“
Während ich zugenäht werde, wird mein Freund nun gebeten, mit zu unserer Tochter zu kommen. Ich bin nicht traurig, dass ich es nicht sein kann. Ich befinde mich in einem seltsamen Zustand. Erleichtert, dass es vorbei ist. Zitternd vor Schock. Oder ist mir so kalt? Erschöpft. Und irgendwie gebrochen. Ich weiß, dass das nicht für jeden nachvollziehbar ist, aber ich fühle mich so..missbraucht. Jetzt höre ich auf, dagegen anzukämpfen. Es ist ja zu spät. Jemand sagt zu mir, dass es meiner Tochter gut geht. Ich lasse mich nun innerlich endgültig fallen. Hier liegen bleiben...einfach für immer...dann wird schon alles gut...
Ich werde in den Kreißsaal geschoben. Das Zittern hält stetig an, obwohl ich zugedeckt bin. Im Kreißsaal liegt ein winzig kleines Handtuch-Bündel auf dem Wickeltisch. Mein Herz rast. Ist das mein Kind? Jemand fragt mich, wie sie heißen soll. Ich sage es und die ersten Tränen laufen. Da drüben, da liegt meine Tochter. Im Handtuch eingewickelt. Ganz still, kein Laut ist zu hören. Ich kann sie fühlen, war sie doch eben noch unter meinem Herzen. Jetzt liegt sie da, ganz allein, in dem rauen Handtuch. Mein Herz tut so weh...ich kann es fast nicht ertragen. Ich frage, ob ich mein Kind haben darf. Ich kriege sie gebracht und in meinen zitternden Arm gelegt. Das Zittern aus dem OP hat nicht nachgelassen, und so zittern wir gemeinsam, während ich völlig ungläubig in die Öffnung vom Handtuch schaue. Noch nie habe ich etwas Schöneres, Überwältigenderes gesehen. Mein Kind schaut mich aus wachen, klugen Augen an. Es hat überall Käseschmiere im Gesicht, aber die Augen sind so klar, so wissend, dass es mir das Herz zerreißt. In diesem Augenblick brennt sich das Gesicht meiner Tochter für alle Ewigkeiten in mein Herz ein. Ich kann nicht fassen, wie unglaublich schön sie ist und erlebe völlig schutzlos, wie die Muttergefühle Besitz von mir ergreifen. Von diesem Moment an bin ich ein anderer Mensch, denn jetzt schlägt mein Herz außerhalb meines Körpers (diesen Satz hat mir eine liebe Freundin geschickt, danke dafür).
Unser Glück währt nur kurz. Eine Hebamme macht noch ein paar Erinnerungsfotos für mich, die auch gleich ausgedruckt werden und übergibt meine Tochter dann an eine Kinderärztin eines kooperierenden Krankenhauses. Die Ballerina ist zu leicht mit ihren 2.320g und ein gewisser Gewichtsverlust ist wohl auch noch zu erwarten. Da sie außerdem ihre Temperatur nicht alleine halten kann, muss sie auf die Neonatologie, die es hier in diesem Krankenhaus nicht gibt. Es sind jetzt viele Leute im Raum. Eine Ärztin kommt zu uns und sagt „Sie hatten wirklich großes Glück. Sie hätten keine 30min später kommen dürfen. Die Tatsache, dass Sie Schmerzen entwickelt haben, hat Ihrer Tochter das Leben gerettet. Versuchen Sie es von dieser Seite zu betrachten und seien Sie nicht allzu traurig. Wir wissen, dass es alles ziemlich hauruck ging, aber Sie hatten überhaupt keine andere Wahl. Es gibt Frauen, die spüren von der Ablösung überhaupt nichts und dann kommt jede Hilfe zu spät.“ Ich schätze ich weine die ganze Zeit, genau kann ich mich nun nicht mehr erinnern. Die Möglichkeit, dass mein Kind weggebracht wird, war mir vorher schon klar, aber wer rechnet denn damit, dass das dann ausgerechnet bei einem selber passiert. Das sind Dinge, die anderen passieren. Meine Tochter wird in ein Wärmebett gelegt und steht nun draußen auf dem Gang. Wir halten Blickkontakt. Sie liegt auf der Seite und sieht mich an. Und wieder habe ich das Gefühl, dass sie mehr weiß als sie eigentlich fähig ist zu wissen. Sie ist ganz still und schaut mich an, durch die Glasscheibe. Mir war nicht klar, was ein Mensch in der Lage ist zu fühlen...
Nachdem sie weg ist, fährt mein Freund nach Hause, um sämtliche Unterlagen wie Vaterschaftsanerkennung usw. zu holen. Wir hatten ja nichts dabei. Währenddessen liege ich allein im Kreißsaal. Alle 15 Minuten wird mein Blutdruck automatisch gemessen. Ich schaue auf die Anzeige – 185:110. Wow. Langsam fühle ich meine Zehen wieder und kann sie auch bewegen. Der Schnitt beginnt zu schmerzen. Irgendwann bekomme ich ein Schmerzmittel in den Oberschenkel gespritzt und auch etwas gegen den hohen Blutdruck. Das Zittern lässt jetzt langsam nach. Ich fühle mich...so unglaublich einsam. Innerlich leer, was ja auch irgendwie stimmt. Mein Kind, das mich braucht, ist weg. Mein Kind, das ich brauche, ist nicht da. Der Schmerz über die Trennung ist so stark, dass ich nicht mehr weinen kann. Ich liege im Kreißsaal und warte...warte dass meine Narkose ganz aufhört und ich, wie versprochen, auch in das andere Krankenhaus gebracht werde.
Aber man hält dieses Versprechen nicht. Ich hätte doch eh keine Kraft, mich heute noch um mein Kind kümmern zu können. Die Betten sind belegt. Es sind grad fünf Geburten im Gange. Und überhaupt...das können wir doch auch morgen noch machen. Keiner kann verstehen, dass allein die Tatsache, dass wir in unterschiedlichen Gebäuden sind, die Sache nur noch schlimmer macht. Aber in verschiedenen Städten? Wir müssten eigentlich im gleichen Bett sein, aber soviel habe ich gar nicht verlangt. Also lasse ich mein Kind im Stich. Ich fahre nicht hinterher und fühle mich wie ein Verräter. Erst hast Du mich rausschneiden lassen, ohne jede Vorwarnung, und jetzt willst Du nicht einmal bei mir sein. Wer hält jetzt mein Kind im Arm? Wer tröstet es? Wer gibt ihm Nahrung? Wessen Geruch nimmt es jetzt in sich auf? Ist es allein? Wird es überhaupt getröstet? Kennt es mich, weiß es wer ich bin? Liebt es mich so wie ich es liebe? Wie kann es das denn... ich habe es ja verlassen.
Ich werde auf Station gebracht und eine elektrische Pumpe wird an mein Bett geschoben. Mein Ersatz-Kind. Ich gebe mir selbst das Versprechen, dass ich alles dafür tun werde, um meine Tochter stillen zu können. Also werde ich jetzt eine innige Beziehung mit der Pumpe eingehen. Jetzt weiß ich auch, warum mir Fotos von meiner Tochter ausgedruckt wurden. Nachdem mir die Pumpe erklärt wurde, lege ich los. Es passiert – genau gar nichts. Zumindest nicht offensichtlich. Wo ist sie denn, die Milch? Ich pumpe insgesamt eine halbe Stunde, ohne auch nur einen Tropfen Milch zu sehen. Da ich aber weiß, dass ich nun viel Geduld haben muss, lasse ich mich davon erstmal nicht weiter verunsichern. Später darf ich auch endlich etwas essen. Dann kommt mein Freund wieder und die restlichen Formalitäten werden geklärt. Wir informieren die Eltern und die Schwiegereltern und bitten sie jeweils, es für sich zu behalten, weil wir mit Anrufen und Glückwünschen aktuell nicht fertig werden würden. Ich möchte mit niemandem sprechen und keine Gratulationsnachrichten erhalten. Ich weiß grad nicht, wozu man uns gratulieren sollte... Mein Freund fährt nun zu unserer Tochter. Ich bleibe hier zurück, allein. Auch einen Zimmernachbarn will man mir nicht zumuten. Später kommen viele Fotos meiner Tochter auf meinem Handy an. Man hat ihr eine gehäkelte Wollmütze aufgesetzt und jetzt sehe ich auch, dass sie aussieht wie ich. Große dunkle Augen schauen mich an. Sie gehen mir durch Mark und Bein. Wie konnte ich bisher nur ohne sie sein? Später kommt eine Schwester und zwingt mich aus dem Bett. Die Schmerzen beim Aufstehen sind unerträglich, aber ich weiß dass ich schnell wieder auf die Füße kommen muss. Ich putz mir die Zähne und gelange dann mit Hilfe wieder ins Bett. Für die Nacht bekomme ich noch Schmerzmittel und in regelmäßigen Abständen wird weiterhin mein Blutdruck gemessen, der nun langsam aber stetig absinkt. Mir wird Blut abgenommen, um mich auf HELLP zu untersuchen. Die Nacht bricht herein und das erste Mal seit Monaten schlafe ich auf dem Rücken. Wie sehr habe ich das vermisst!
Am nächsten Morgen werde ich entkabelt. Ich kann es kaum erwarten, denn sobald alles entfernt ist, kann mein Transport in die Wege geleitet werden. Erst der Blasenkatheter. Es gibt wirklich schöneres... Ab sofort muss ich alleine aus dem Bett kommen. Dann die Drainage. Kann man auch drauf verzichten... Aber nun kann ich mich wieder frei bewegen. Am schlimmsten ist das Aufrichten im Bett. Ich habe so eine Art Galgen über mir, an dem ich mich hochziehen kann. Das geht ganz gut. Eine Schwester kommt und will mir eine Art Topf unterschieben, um das Blut abzuwaschen. Dazu soll ich mithilfe des Galgens meinen Po in die Höhe heben. Ein Kraftakt so kurz nach einem Kaiserschnitt, aber wir schaffen es. Sie lässt warmes Wasser über mich drüberlaufen und ich denke mir, wie schnell man jegliches Schamgefühl verliert, wenn andere Dinge in den Vordergrund rücken. Der erste Toilettengang ist sehr schmerzhaft aufgrund des entfernten Blasenkatheters, aber ich bin froh, dass ich das nun wieder alleine verrichten darf. Nun bin ich abfahrbereit. Zwei Sanitäter verfrachten mich in einen Rettungswagen und fahren mich die 20 Minuten in das andere Krankenhaus. Sie unterhalten sich mit mir und wollen wissen was passiert ist. Sie fragen mich, ob sie mich direkt in die Neonatologie bringen sollen, damit ich meine Tochter sehen kann.
Sie schieben mich im Rollstuhl auf die Station. Man muss Hände desinfizieren und einen Kittel anziehen. Komisches Gefühl. Andere Frauen legen ihr Baby auf die nackte Brust und ich habe einen gelben Kittel über der Kleidung. Eine Schwester fragt, was sie für mich tun kann. Ich antworte: „Ich möchte zu meiner Tochter.“ Es fühlt sich so seltsam an, das zu sagen. Meine Tochter? Was werde ich jetzt gleich fühlen? Ich werde in einen kleinen Raum geschoben, in dem drei Wärmebettchen stehen. Zwei sind belegt. An dem einen Bettchen sitzen Eltern. Das andere Bettchen steht auf der anderen Seite. Ich sehe die gehäkelte Mütze. Die Nase. Die Augen. Den Mund. Ich kann nicht mehr... Die Gefühle übermannen mich und mir schießen so viele Tränen gleichzeitig in die Augen, dass ich nichts mehr sehen kann. Ich fange hemmungslos an zu schluchzen. Man legt mir meine Tochter in die Arme, aber ich sehe sie vor lauter Tränen nicht. Endlich bekomme ich ein Taschentuch. Oh wie schön sie ist! Das ist mein Kind! Sie ist so wunderschön! Ich atme ihren Geruch ein. Sie riecht so unglaublich gut! Eins weiß ich in diesem Augenblick: Die Tatsache, dass wir einen Kaiserschnitt hatten, hat nichts an der Liebe geändert, die ich für dieses Kind empfinde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch mehr fühlen kann. Ob es ihr wohl genauso geht?
Ich bekomme das Prozedere erklärt. Im 3-Stunden-Rhythmus wickeln, Temperatur messen um sicherzustellen, dass sie nicht unterkühlt, Flasche geben. Es ist ein seltsames Gefühl. Wie soll ich denn alle drei Stunden alleine hier herkommen können? Ich kann ja auch nicht wirklich aufrecht stehen, ich werde sie also auch nicht wickeln können. Aber ich tröste mich; ich werde morgen sicher schon viel besser unterwegs sein und mich dann schnell von dem Kaiserschnitt erholen. Wir vereinbaren, zu welcher Zeit ich wieder hier sein werde. Dann wird auch der Papa da sein. In der Zwischenzeit soll ich wieder pumpen. Ich nehme also eine Ladung Fläschchen mit und versuche mich in meinem Zimmer wieder an der Milchproduktion. Es passiert wieder...genau gar nichts. Hmmm.. Also ich wusste ja, dass es ein paar Tage dauert, dass die Produktion in Gang kommt, aber wo ist denn zum Beispiel das Kolostrum? So langsam frage ich mich, ob ich werde stillen können. Ich konnte mir sowieso schon die ganze Zeit nicht vorstellen, dass da vorne Milch rauskommen soll... Später kommt mein Freund wieder und bevor wir zu unserer Tochter gehen, pumpe ich erneut. Diesmal tut sich was. Auf der Brustwarze bildet sich ein kleines Bläschen. Das erste winzigkleine Anzeichen von Milch. Nicht viel, aber immerhin. Mir war trotzdem nicht klar, wie schwierig das ist...Später gehen wir gemeinsam auf die Neo und versuchen uns erstmalig am Stillen. Wie erwartet, protestiert unser Mädchen heftig. Wir versuchen es ohne und mit Hütchen, werden aber von den Schwestern nicht wohlwollend dabei unterstützt. Man hat Bedenken, dass sie zuviel Kraft dabei verbraucht, außerdem dauert es zu lange... Also wieder Flasche. Mir wird ganz schwer ums Herz. Ich weiß, jeder Tag, den sie die Flasche erhält, entfernt uns immer weiter vom Stilltraum. Dennoch, einen kleinen Erfolg kann ich an diesem Tag dennoch verzeichnen. Als ich das nächste Mal abpumpe, bildet sich am Flaschenboden ein hauchzarter Film Milch. Fast nicht zu sehen, aber mein Herz lässt er höher schlagen.
Der nächste Tag spielt sich ganz ähnlich ab. Es ist Sonntag und ich komme immer besser mit der Kaiserschnittnarbe zurecht. Ich kann mich nun in unter einer Minute aus dem Bett hieven, was ohne Galgen oder Bettgeländer ziemlich schwierig ist (ich weiß echt nicht, warum ich hier sowas nicht habe). Was mir viel mehr Probleme macht, ist der nun wieder vorhandene Platz im Bauch. Sobald ich stehe, kann ich schlecht atmen und es fühlt sich an, als ob sämtliche Organe hin und her rutschen. Außerdem ist da jede Menge Luft, entstanden durch die Öffnung des Bauches, die bis in die Schultern drückt und schmerzt und die sich erst nach und nach auf dem jeden bekannten Weg verabschieden wird. Aber egal, ich weiß, jetzt geht es bergauf und ab heute will ich mich regelmäßig um die Versorgung meiner Tochter kümmern. Endlich nach vorn schauen. Ich bin auf dem Weg zu ihr und total aufgeregt. Doch noch soll es das für mich nicht gewesen sein. Da wartet noch eine weitere Prüfung für mich, auf die ich auch überhaupt nicht vorbereitet bin. Als ich abends 19:30Uhr zur Fütterung auf der Neo erscheine, bemerke ich, dass ich plötzlich Kopfschmerzen bekomme. Ich denke mir nichts dabei. Wer hätte nach solchen Erlebnissen zuzüglich wenig Schlaf keine Kopfschmerzen? Als ich mit den Schwestern über den nächsten Fütterungstermin spreche, muss ich weinend zugeben, dass ich es nicht schaffen werde. Die Kopfschmerzen werden immer stärker und ich muss im Rollstuhl auf meine Station zurückgebracht werden, weil ich den Kopf nicht mehr gerade halten kann. Was ist das nur?? Der Schmerz nimmt mich komplett ein und zwingt mich ins Bett. Als ich mich hinlege, bemerke ich, dass der Schmerz nun schlagartig verschwunden ist. Was für eine Erlösung... Während ich einschlafe, freue ich mich auf den nächsten Tag. Dann wird es mir besser gehen.
Aber es geht mir nicht besser. Ganz im Gegenteil. Schon in der Nacht habe ich bei Toilettengängen gespürt, dass die Kopfschmerzen noch da sind. Sobald ich mich aus der Horizontalen hoch bewege, wird der Schmerz so stark, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich muss nach vorn gebeugt laufen, damit der Kopf weiterhin in Liegeposition ist. Das gibt es doch alles nicht...wie soll ich mich so um meine Tochter kümmern?? Am nächsten Morgen spreche ich nochmal mit den Schwestern, die mir schon diverse Schmerzmittel gegeben hatten, die aber alle nicht helfen. Nichts schlägt an, der Schmerz wird kein bisschen leichter. Ich bin völlig unfähig, irgendetwas zu machen und nun langsam am Rande der Verzweiflung. Nimmt denn dieser Alptraum nie ein Ende? Warum passiert mir das alles? Was mich so quält, wird nur durch einen Zufall aufgedeckt. Ich klage mein Leid in einer Whatsappgruppe mit MC Mitgliedern, die mich schon lange in meinem Kinderwunsch und später auch in der Schwangerschaft begleiten. Eine der Frauen kommt sofort auf den richtigen Trichter. Postspinaler Kopfschmerz... Bitte was? Ich google...ja, das passt. Und verdammt, das gibt’s doch nicht, soll es das wirklich sein? Laut Dr. Google hätte man mir damit meine Hirnhaut beim Stechen der Spinalanästhesie verletzt und nun tritt Hirnwasser aus dem Leck in meinem Rücken aus, was diese furchtbaren Kopfschmerzen auslöst. Später kommt eine junge Ärztin, während mein Freund da ist, und befragt mich zu den Symptomen. Schon nach kurzer Zeit wiederholt sie, was ich vorher schon gelesen hatte: Die Kopfschmerzen kommen von einer Verletzung bei der Narkose. Mir wird schlecht...ich hatte nämlich auch schon gelesen, was die Therapieansätze in diesem Fall sind. Die Ärztin schickt den Anästhesisten zu mir. Der sichert auch nochmal die Diagnose. Der Fall ist allerdings ziemlich klar: Hektisch gestochene Spinalanästhesie und lagerungsbedingte unerträgliche Kopfschmerzen, die etwa zwei Tage nach dem Eingriff zum Vorschein kamen. Ich habe zwei Optionen. Option 1: Aussitzen. Das kostet mich im besten Fall eine Woche, vermutlich deutlich länger. Schlimmstenfalls Monate. Diese Option ist keine Option. Eine Etage tiefer liegt mein Baby schon viel zu lange ohne seine Mutter. Also Option 2: Ein Blutpatch. Dafür wird mein Eigenblut in die Einstichstelle gebracht, in der Hoffnung, dass es an den richtigen Stellen gerinnt und das Leck damit verschließt. Ich könnte kotzen... Ich hab jetzt einfach keinen Bock mehr auf Nadeln und Schmerzen, aber ich weiß auch, dass ich gar keine andere Wahl habe. Also füge ich mich. Der Eingriff soll schon zwei Stunden später stattfinden. Ich werde in einen OP Saal geschoben, mein Freund darf mit. Ich werde nochmal darüber aufgeklärt, dass die Erfolgsquote in der Regel ganz gut ist und der Eingriff schon beim ersten Mal seine Wirkung zeigt. Es hätte allerdings auch Patienten gegeben, die das Prozedere bis zu vier Mal über sich ergehen lassen mussten, weil der Arzt im Prinzip blind stechen muss. Er weiß nicht, wo genau das Leck sitzt. Mein Fall ist besonders kompliziert und nicht gerade erfolgversprechend, weil beim Kaiserschnitt fünf Mal gestochen wurde. Wie bei der Narkose muss ich mich nach vorn beugen und bekomme erst eine lokale Betäubung gespritzt. Mein Freund sitzt mir bisschen hilflos gegenüber und dann geht es los. Ich würde jetzt mal behaupten, dass ich nicht mega zimperlich bin, was solche Dinge angeht. Ich habe auch eine Lumbalpunktion schon überstanden. Aber das hier toppt wirklich alles. Der ganze Eingriff dauert gefühlt ewig. Ich weiß nicht genau, was er da macht, aber scheinbar wird nun irgendeine Kanüle eingeführt. Das Gefühl kenne ich schon von der Punktion und auch vom Kaiserschnitt. Alles noch aushaltbar. Als die Kanüle endlich sitzt, kommt eine Schwester und nimmt mir frisches Blut aus dem Arm ab. Dann werden mir 20ml von meinem Blut in die Einstichstelle gespritzt. Das Gefühl löst in mir das Bedürfnis aus, von der Bank zu springen und dem Anästhesisten eine runterzuhauen, aber ich weiß, ich darf mich nicht bewegen. Es drückt und drück und drückt in meinen Rücken hinein und ich fühle mich als ob meine Wirbelsäule gleich zerspringt. Er fragt mich ständig, was denn los sei, weil ich mich natürlich beschwere. Ja was soll schon los sein! Nimm Deine Werkzeuge da raus, aber flott! Dann ist er fertig. Der Druck ist aber immer noch da. Prima, also bleibt das jetzt so?? Oh Gott... Er verspricht mir noch, dass das bald besser wird und ich werde wieder auf meine Station gebracht.
Am nächsten Tag kriege ich Besuch von einem weiteren ungebetenen Gast. Der Baby Blues kehrt bei mir ein. Aufwachend mit Kopfschmerzen und mit der Angst im Nacken, dass der Eingriff wiederholt wird, heule ich heute alle Schwestern voll und auch die Ärztin, die sich nach meinen Kopfschmerzen erkundigt. Unter Tränen eröffne ich ihr, dass ich lieber die scheiß Kopfschmerzen aushalte, als mir nochmal an der Wirbelsäule rumstochern zu lassen. Ich sehe ihr Unverständnis in ihren Augen. Was ist das denn für eine Mutter...rennt lieber mit Kopfschmerzen rum... Aber ich kann einfach nicht mehr. Nur unter Vollnarkose, verkünde ich. Ich will nichts mehr aushalten müssen. Ja, mein Maß ist jetzt voll, ich kann nichts mehr ertragen. Ich halte meinen Kopf einfach schräg, dann geht’s... Die Ärztin hat Mitleid und verpasst mir ein starkes Schmerzmittel in den Oberschenkel. Den Nachmittag über bin ich komplett schmerzfrei und darf ihn mit meiner Tochter verbringen. Ich bekomme sie im Bettchen auf Station und schiebe sie stolz wie Oskar in der Gegend rum und schniefe was das Zeug hält. Verdammter Baby Blues, der kam pünktlich wie die Feuerwehr. Jeder der mich anspricht, bereut es sofort. Wöchnerin mit Baby Blues! Schnell weg. Ich schaue in das Bettchen und kann nicht fassen, dass das kleine Wesen zu mir gehört. Dass es von mir abhängig ist. Es ist so unglaublich hilflos und ich soll es nun versorgen. Kann ich das überhaupt? Was habe ich mir nur dabei gedacht!!! Was für ein Tag voller Tränen.
In der Nacht wache ich auf. Das erste was mir auffällt: Keine Kopfschmerzen!!! Ich wage nicht mich zu freuen und hebe mir die Jubelschreie über den erfolgreichen Eingriff für den Morgen auf. Nicht dass es nur das Schmerzmittel ist, was noch wirkt. Aber was hat mich aufgeweckt?? Richtig, ich habe uuuunglaubliche Milchtüten an mir dran. Man könnte sie als große rote Feuerbälle bezeichnen. Der Milcheinschuss ist da! Ich schwanke zwischen Panik und Euphorie – was mach ich jetzt?? Abpumpen? Weiterschlafen? Quark draufschmieren? Hilfe! Ich frage bei den Schwestern nach. Die raten mir zum Abpumpen. Na dann. Mit neu gewonnenem Optimismus werfe ich die Pumpe an, zu der ich inzwischen ein fast liebevolles Verhältnis pflege, und warte gespannt auf das Resultat. Doch die Vorfreude ist nur von kurzer Dauer. Lächerliche 5ml quetsche ich heraus. Das gibt’s doch nicht...Riesenhupen, aber keine Milch??
Am nächsten Morgen registriere ich kurz, dass die Kopfschmerzen tatsächlich weg sind, jubiliere innerlich kurz und wende mich gleich meinem nächsten Problem, den roten Feuerbällen, zu. Nachdem mein Kind versorgt ist, suche ich mir Hilfe auf der Entbindungsstation (auf welcher ich wegen Platzmangels nicht liegen konnte). Eine ältere großmütterlich anmutende Schwester bringt mich ins Still/Pump-Zimmer. Hier gibt’s ein Stillzimmer?! Sie verpasst mir eine Ladung entzündungshemmende Medikamente auf natürlicher Basis und gibt mir tolle Tipps. Ich pumpe nochmal und es wird langsam mehr. Im Anschluss bekomme ich zwei Kühlakkus vorne draufgeschnallt und entspanne mich in dem gemütlichen Schaukelstuhl, während ich mit einer anderen traumatisierten frisch Entbundenen in den unschönen Erinnerungen grabe. Es sind nur 15 Minuten. Aber diese 15 Minuten ändern wirklich alles. Endlich versteht mich hier jemand. Sie weint, ich weine, und als ich meine Tochter aus dem Stillzimmer schiebe, sind es schon einige Wolken weniger an meinem Horizont. Abends muss ich meine Tochter wieder auf der Neo abliefern. Der Trennungsschmerz überkommt mich wieder völlig unerwartet. Noch weiß ich nicht, dass wir uns nun zum letzten Mal trennen müssen.
Am nächsten Morgen bekomme ich in der Neo die freudige Mitteilung, dass ich heute hier einziehen darf. Als Begleitmama. Hihi...Mama...ich bin eine Mama
Die guten Nachrichten reißen nicht ab. In das zweite vorhandene Bett auf dieser Station zieht die Mama, die ich schon kenne und deren Tochter mit meiner Tochter schon die ganze Zeit das Zimmer teilt. Endlich jemand zum reden! Sie hat auch per Kaiserschnitt entbunden, weil ihre Tochter nicht mehr gewachsen ist und mit 1.600g auf die Welt kam. Jetzt geht es bergauf. Ich falle der Überbringerin der tollen Nachrichten um den Hals und...heule...meine Güte, kann ich eigentlich auch noch was anderes?? Diesmal sind es aber Freudentränen! Was haben wir alles geschafft bis hier her. Unglaublich. Als mein Freund kommt, schleppen wir alles eine Etage tiefer und ich bin somit als Patientin entlassen. Was für ein Gefühl! Der Alptraum wandelt sich nun langsam und ein Ende ist in Sicht. Die nächsten zwei Tage verbringe ich nun mit der anderen Mama und unseren Töchtern gemeinsam in dem liebevoll eingerichteten Zimmer. Nun machen wir alles selbst und ich bin so erleichtert darüber, dass mein süßes kleines Mädchen nun endlich nur noch mich als Hauptbezugsperson hat und nicht mehr herumgereicht werden muss. Nachts stehen wir gemeinsam auf, füttern, wickeln, pumpen ab. Tagsüber versuche ich noch mehrfach mithilfe von den Schwestern zu stillen. Nur unter Einsatz von Tricks gelingt es mir gelegentlich. Ich muss erst ca. 2 Minuten abpumpen, um überhaupt den Milchfluss ausreichend anregen zu können. Doch selbst dann fließt die Milch so schleppend, dass wir meiner Tochter eine Spritze mit Milch ins Mündchen halten müssen, um sie überhaupt zum weitersaugen animieren zu können. Es ist ein bisschen frustrierend, weil ich weiß, dass ich das zuhause nicht hinkriegen werde. Ständig pumpen ist äußerst mühselig und das mit der Spritze bekomme ich alleine nicht hin. Also schicke ich meinen Freund zu meinem Frauenarzt, ein Rezept für eine elektrische Pumpe abholen. Sicher werden wir bald entlassen und ich muss ja vorbereitet sein. Eine Freundin lässt mir einen Stapel Babykleidung in Größe 44 ins Krankenhaus kommen. In diesen Tagen bin ich der profitabelste Kunde von A****n. Ich bestelle alles, was ich eigentlich in den letzten Wochen noch besorgen wollte oder wo ich mir nicht sicher war, ob ich es brauche. Heizstrahler, Flaschen, eine Pumpe für unterwegs, Still-BHs usw.
Das Stillen klappt weiterhin nicht. Meine Tochter fängt wütend an zu brüllen, wenn sie nach den ersten Zügen registriert, dass die Milch nicht fließt. Sie ist da, aber sie kommt ohne Pumpe einfach nicht heraus. Was ist da los? Inzwischen kann ich ca. 60ml abpumpen, aber mein Kind kann sie nicht selbst trinken? Ich beginne, mich mit dem Gedanken ans Pumpstillen anzufreunden. Besser so als gar keine Muttermilch. Aber wirklich befriedigend ist das nicht, besonders nachdem mir auffällt, wie unglaublich umständlich das ist. Nach jeder Flaschenfütterung muss ich pumpen, um die Produktion in Gang zu bringen, aber meine Tochter lässt sich nach dem Trinken ungern ablegen. Also was machen? Kind trösten? Abpumpen? Ich entscheide, dass keines von beidem aufgeschoben werden darf und mache es gleichzeitig. Pumpe in der einen Hand, im anderen Arm ruht meine Tochter. Inzwischen ist es auch so, dass ich Angst davor habe, sie an meine Brust anzulegen. Sie schreit und ist enttäuscht und ich kann und will ihr das nicht antun. Der Stillstart wurde uns wahrlich verhagelt, auch wenn ich zum Teil weiß, dass es nicht anders ging. Trotzdem wünsche ich mir, dass man es mehr forciert bzw. die Zeit dafür eingeräumt hätte. Ich unterlasse nun alle weiteren Stillversuche und verschiebe das auf nach unserem Auszug. Daheim klappt das sicher...hoffe ich... Dennoch weiß ich, dass wir auf dem Heimweg, wenn wir entlassen werden, Ersatzmilch werden kaufen müssen. Nach zwei Tagen werden wir entlassen. Meine Tochter wiegt nun knapp 2.300g und kann ihre Temperatur halten. Meine Hebamme ist informiert und wird uns hoffentlich noch heute Nachmittag besuchen. Ich habe wirklich Respekt vor dem, was da jetzt kommt. Das kleine Wesen verschwindet praktisch in seiner Babyschale und mir wird noch einmal klar, wie klein sie eigentlich ist. Wir verabschieden uns – wie sollte es anders sein – unter Tränen von allen Schwestern der Station und verlassen das Krankenhaus. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Auf nach Hause!
Teil 2
Meine Tochter wird weggebracht. Ich habe allerdings auch nicht das Gefühl, als ob ich jetzt ein Baby halten könnte. Dafür sitzt plötzlich mein Freund an meiner Seite und hält mir weiter die Pappschachtel an die Wange. Mir wird bewusst, dass er bei der „Geburt“ nicht dabei war. Er musste sich umziehen und in der Zeit wurde unsere Tochter aus meinem Bauch geholt. Ich versuche zu sprechen, krieg aber nur unverständlichen Kauderwelsch heraus, was an dem Mittel gegen die Übelkeit liegen muss. Ich zittere am ganzen Körper und kann das nicht kontrollieren. Durch das Zittern spannen sich sämtliche Muskeln an, was in meiner rechten Schulter bereits zu schmerzen beginnt. Von dem Zittern hatte ich gelesen. Woher kommt das? Ist das der Schock? Die Narkose? Jemand mit einem Fotoapparat kommt herein und hinter dem Tuch werden Bilder gemacht. Etwa von meiner Plazenta?? Ich werde angesprochen „Frau XXXX, der Befund hat sich bestätigt. Die Plazenta hat sich bereits teilweise abgelöst.“
Während ich zugenäht werde, wird mein Freund nun gebeten, mit zu unserer Tochter zu kommen. Ich bin nicht traurig, dass ich es nicht sein kann. Ich befinde mich in einem seltsamen Zustand. Erleichtert, dass es vorbei ist. Zitternd vor Schock. Oder ist mir so kalt? Erschöpft. Und irgendwie gebrochen. Ich weiß, dass das nicht für jeden nachvollziehbar ist, aber ich fühle mich so..missbraucht. Jetzt höre ich auf, dagegen anzukämpfen. Es ist ja zu spät. Jemand sagt zu mir, dass es meiner Tochter gut geht. Ich lasse mich nun innerlich endgültig fallen. Hier liegen bleiben...einfach für immer...dann wird schon alles gut...
Ich werde in den Kreißsaal geschoben. Das Zittern hält stetig an, obwohl ich zugedeckt bin. Im Kreißsaal liegt ein winzig kleines Handtuch-Bündel auf dem Wickeltisch. Mein Herz rast. Ist das mein Kind? Jemand fragt mich, wie sie heißen soll. Ich sage es und die ersten Tränen laufen. Da drüben, da liegt meine Tochter. Im Handtuch eingewickelt. Ganz still, kein Laut ist zu hören. Ich kann sie fühlen, war sie doch eben noch unter meinem Herzen. Jetzt liegt sie da, ganz allein, in dem rauen Handtuch. Mein Herz tut so weh...ich kann es fast nicht ertragen. Ich frage, ob ich mein Kind haben darf. Ich kriege sie gebracht und in meinen zitternden Arm gelegt. Das Zittern aus dem OP hat nicht nachgelassen, und so zittern wir gemeinsam, während ich völlig ungläubig in die Öffnung vom Handtuch schaue. Noch nie habe ich etwas Schöneres, Überwältigenderes gesehen. Mein Kind schaut mich aus wachen, klugen Augen an. Es hat überall Käseschmiere im Gesicht, aber die Augen sind so klar, so wissend, dass es mir das Herz zerreißt. In diesem Augenblick brennt sich das Gesicht meiner Tochter für alle Ewigkeiten in mein Herz ein. Ich kann nicht fassen, wie unglaublich schön sie ist und erlebe völlig schutzlos, wie die Muttergefühle Besitz von mir ergreifen. Von diesem Moment an bin ich ein anderer Mensch, denn jetzt schlägt mein Herz außerhalb meines Körpers (diesen Satz hat mir eine liebe Freundin geschickt, danke dafür).
Unser Glück währt nur kurz. Eine Hebamme macht noch ein paar Erinnerungsfotos für mich, die auch gleich ausgedruckt werden und übergibt meine Tochter dann an eine Kinderärztin eines kooperierenden Krankenhauses. Die Ballerina ist zu leicht mit ihren 2.320g und ein gewisser Gewichtsverlust ist wohl auch noch zu erwarten. Da sie außerdem ihre Temperatur nicht alleine halten kann, muss sie auf die Neonatologie, die es hier in diesem Krankenhaus nicht gibt. Es sind jetzt viele Leute im Raum. Eine Ärztin kommt zu uns und sagt „Sie hatten wirklich großes Glück. Sie hätten keine 30min später kommen dürfen. Die Tatsache, dass Sie Schmerzen entwickelt haben, hat Ihrer Tochter das Leben gerettet. Versuchen Sie es von dieser Seite zu betrachten und seien Sie nicht allzu traurig. Wir wissen, dass es alles ziemlich hauruck ging, aber Sie hatten überhaupt keine andere Wahl. Es gibt Frauen, die spüren von der Ablösung überhaupt nichts und dann kommt jede Hilfe zu spät.“ Ich schätze ich weine die ganze Zeit, genau kann ich mich nun nicht mehr erinnern. Die Möglichkeit, dass mein Kind weggebracht wird, war mir vorher schon klar, aber wer rechnet denn damit, dass das dann ausgerechnet bei einem selber passiert. Das sind Dinge, die anderen passieren. Meine Tochter wird in ein Wärmebett gelegt und steht nun draußen auf dem Gang. Wir halten Blickkontakt. Sie liegt auf der Seite und sieht mich an. Und wieder habe ich das Gefühl, dass sie mehr weiß als sie eigentlich fähig ist zu wissen. Sie ist ganz still und schaut mich an, durch die Glasscheibe. Mir war nicht klar, was ein Mensch in der Lage ist zu fühlen...
Nachdem sie weg ist, fährt mein Freund nach Hause, um sämtliche Unterlagen wie Vaterschaftsanerkennung usw. zu holen. Wir hatten ja nichts dabei. Währenddessen liege ich allein im Kreißsaal. Alle 15 Minuten wird mein Blutdruck automatisch gemessen. Ich schaue auf die Anzeige – 185:110. Wow. Langsam fühle ich meine Zehen wieder und kann sie auch bewegen. Der Schnitt beginnt zu schmerzen. Irgendwann bekomme ich ein Schmerzmittel in den Oberschenkel gespritzt und auch etwas gegen den hohen Blutdruck. Das Zittern lässt jetzt langsam nach. Ich fühle mich...so unglaublich einsam. Innerlich leer, was ja auch irgendwie stimmt. Mein Kind, das mich braucht, ist weg. Mein Kind, das ich brauche, ist nicht da. Der Schmerz über die Trennung ist so stark, dass ich nicht mehr weinen kann. Ich liege im Kreißsaal und warte...warte dass meine Narkose ganz aufhört und ich, wie versprochen, auch in das andere Krankenhaus gebracht werde.
Aber man hält dieses Versprechen nicht. Ich hätte doch eh keine Kraft, mich heute noch um mein Kind kümmern zu können. Die Betten sind belegt. Es sind grad fünf Geburten im Gange. Und überhaupt...das können wir doch auch morgen noch machen. Keiner kann verstehen, dass allein die Tatsache, dass wir in unterschiedlichen Gebäuden sind, die Sache nur noch schlimmer macht. Aber in verschiedenen Städten? Wir müssten eigentlich im gleichen Bett sein, aber soviel habe ich gar nicht verlangt. Also lasse ich mein Kind im Stich. Ich fahre nicht hinterher und fühle mich wie ein Verräter. Erst hast Du mich rausschneiden lassen, ohne jede Vorwarnung, und jetzt willst Du nicht einmal bei mir sein. Wer hält jetzt mein Kind im Arm? Wer tröstet es? Wer gibt ihm Nahrung? Wessen Geruch nimmt es jetzt in sich auf? Ist es allein? Wird es überhaupt getröstet? Kennt es mich, weiß es wer ich bin? Liebt es mich so wie ich es liebe? Wie kann es das denn... ich habe es ja verlassen.
Ich werde auf Station gebracht und eine elektrische Pumpe wird an mein Bett geschoben. Mein Ersatz-Kind. Ich gebe mir selbst das Versprechen, dass ich alles dafür tun werde, um meine Tochter stillen zu können. Also werde ich jetzt eine innige Beziehung mit der Pumpe eingehen. Jetzt weiß ich auch, warum mir Fotos von meiner Tochter ausgedruckt wurden. Nachdem mir die Pumpe erklärt wurde, lege ich los. Es passiert – genau gar nichts. Zumindest nicht offensichtlich. Wo ist sie denn, die Milch? Ich pumpe insgesamt eine halbe Stunde, ohne auch nur einen Tropfen Milch zu sehen. Da ich aber weiß, dass ich nun viel Geduld haben muss, lasse ich mich davon erstmal nicht weiter verunsichern. Später darf ich auch endlich etwas essen. Dann kommt mein Freund wieder und die restlichen Formalitäten werden geklärt. Wir informieren die Eltern und die Schwiegereltern und bitten sie jeweils, es für sich zu behalten, weil wir mit Anrufen und Glückwünschen aktuell nicht fertig werden würden. Ich möchte mit niemandem sprechen und keine Gratulationsnachrichten erhalten. Ich weiß grad nicht, wozu man uns gratulieren sollte... Mein Freund fährt nun zu unserer Tochter. Ich bleibe hier zurück, allein. Auch einen Zimmernachbarn will man mir nicht zumuten. Später kommen viele Fotos meiner Tochter auf meinem Handy an. Man hat ihr eine gehäkelte Wollmütze aufgesetzt und jetzt sehe ich auch, dass sie aussieht wie ich. Große dunkle Augen schauen mich an. Sie gehen mir durch Mark und Bein. Wie konnte ich bisher nur ohne sie sein? Später kommt eine Schwester und zwingt mich aus dem Bett. Die Schmerzen beim Aufstehen sind unerträglich, aber ich weiß dass ich schnell wieder auf die Füße kommen muss. Ich putz mir die Zähne und gelange dann mit Hilfe wieder ins Bett. Für die Nacht bekomme ich noch Schmerzmittel und in regelmäßigen Abständen wird weiterhin mein Blutdruck gemessen, der nun langsam aber stetig absinkt. Mir wird Blut abgenommen, um mich auf HELLP zu untersuchen. Die Nacht bricht herein und das erste Mal seit Monaten schlafe ich auf dem Rücken. Wie sehr habe ich das vermisst!
Am nächsten Morgen werde ich entkabelt. Ich kann es kaum erwarten, denn sobald alles entfernt ist, kann mein Transport in die Wege geleitet werden. Erst der Blasenkatheter. Es gibt wirklich schöneres... Ab sofort muss ich alleine aus dem Bett kommen. Dann die Drainage. Kann man auch drauf verzichten... Aber nun kann ich mich wieder frei bewegen. Am schlimmsten ist das Aufrichten im Bett. Ich habe so eine Art Galgen über mir, an dem ich mich hochziehen kann. Das geht ganz gut. Eine Schwester kommt und will mir eine Art Topf unterschieben, um das Blut abzuwaschen. Dazu soll ich mithilfe des Galgens meinen Po in die Höhe heben. Ein Kraftakt so kurz nach einem Kaiserschnitt, aber wir schaffen es. Sie lässt warmes Wasser über mich drüberlaufen und ich denke mir, wie schnell man jegliches Schamgefühl verliert, wenn andere Dinge in den Vordergrund rücken. Der erste Toilettengang ist sehr schmerzhaft aufgrund des entfernten Blasenkatheters, aber ich bin froh, dass ich das nun wieder alleine verrichten darf. Nun bin ich abfahrbereit. Zwei Sanitäter verfrachten mich in einen Rettungswagen und fahren mich die 20 Minuten in das andere Krankenhaus. Sie unterhalten sich mit mir und wollen wissen was passiert ist. Sie fragen mich, ob sie mich direkt in die Neonatologie bringen sollen, damit ich meine Tochter sehen kann.
Sie schieben mich im Rollstuhl auf die Station. Man muss Hände desinfizieren und einen Kittel anziehen. Komisches Gefühl. Andere Frauen legen ihr Baby auf die nackte Brust und ich habe einen gelben Kittel über der Kleidung. Eine Schwester fragt, was sie für mich tun kann. Ich antworte: „Ich möchte zu meiner Tochter.“ Es fühlt sich so seltsam an, das zu sagen. Meine Tochter? Was werde ich jetzt gleich fühlen? Ich werde in einen kleinen Raum geschoben, in dem drei Wärmebettchen stehen. Zwei sind belegt. An dem einen Bettchen sitzen Eltern. Das andere Bettchen steht auf der anderen Seite. Ich sehe die gehäkelte Mütze. Die Nase. Die Augen. Den Mund. Ich kann nicht mehr... Die Gefühle übermannen mich und mir schießen so viele Tränen gleichzeitig in die Augen, dass ich nichts mehr sehen kann. Ich fange hemmungslos an zu schluchzen. Man legt mir meine Tochter in die Arme, aber ich sehe sie vor lauter Tränen nicht. Endlich bekomme ich ein Taschentuch. Oh wie schön sie ist! Das ist mein Kind! Sie ist so wunderschön! Ich atme ihren Geruch ein. Sie riecht so unglaublich gut! Eins weiß ich in diesem Augenblick: Die Tatsache, dass wir einen Kaiserschnitt hatten, hat nichts an der Liebe geändert, die ich für dieses Kind empfinde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch mehr fühlen kann. Ob es ihr wohl genauso geht?
Ich bekomme das Prozedere erklärt. Im 3-Stunden-Rhythmus wickeln, Temperatur messen um sicherzustellen, dass sie nicht unterkühlt, Flasche geben. Es ist ein seltsames Gefühl. Wie soll ich denn alle drei Stunden alleine hier herkommen können? Ich kann ja auch nicht wirklich aufrecht stehen, ich werde sie also auch nicht wickeln können. Aber ich tröste mich; ich werde morgen sicher schon viel besser unterwegs sein und mich dann schnell von dem Kaiserschnitt erholen. Wir vereinbaren, zu welcher Zeit ich wieder hier sein werde. Dann wird auch der Papa da sein. In der Zwischenzeit soll ich wieder pumpen. Ich nehme also eine Ladung Fläschchen mit und versuche mich in meinem Zimmer wieder an der Milchproduktion. Es passiert wieder...genau gar nichts. Hmmm.. Also ich wusste ja, dass es ein paar Tage dauert, dass die Produktion in Gang kommt, aber wo ist denn zum Beispiel das Kolostrum? So langsam frage ich mich, ob ich werde stillen können. Ich konnte mir sowieso schon die ganze Zeit nicht vorstellen, dass da vorne Milch rauskommen soll... Später kommt mein Freund wieder und bevor wir zu unserer Tochter gehen, pumpe ich erneut. Diesmal tut sich was. Auf der Brustwarze bildet sich ein kleines Bläschen. Das erste winzigkleine Anzeichen von Milch. Nicht viel, aber immerhin. Mir war trotzdem nicht klar, wie schwierig das ist...Später gehen wir gemeinsam auf die Neo und versuchen uns erstmalig am Stillen. Wie erwartet, protestiert unser Mädchen heftig. Wir versuchen es ohne und mit Hütchen, werden aber von den Schwestern nicht wohlwollend dabei unterstützt. Man hat Bedenken, dass sie zuviel Kraft dabei verbraucht, außerdem dauert es zu lange... Also wieder Flasche. Mir wird ganz schwer ums Herz. Ich weiß, jeder Tag, den sie die Flasche erhält, entfernt uns immer weiter vom Stilltraum. Dennoch, einen kleinen Erfolg kann ich an diesem Tag dennoch verzeichnen. Als ich das nächste Mal abpumpe, bildet sich am Flaschenboden ein hauchzarter Film Milch. Fast nicht zu sehen, aber mein Herz lässt er höher schlagen.
Der nächste Tag spielt sich ganz ähnlich ab. Es ist Sonntag und ich komme immer besser mit der Kaiserschnittnarbe zurecht. Ich kann mich nun in unter einer Minute aus dem Bett hieven, was ohne Galgen oder Bettgeländer ziemlich schwierig ist (ich weiß echt nicht, warum ich hier sowas nicht habe). Was mir viel mehr Probleme macht, ist der nun wieder vorhandene Platz im Bauch. Sobald ich stehe, kann ich schlecht atmen und es fühlt sich an, als ob sämtliche Organe hin und her rutschen. Außerdem ist da jede Menge Luft, entstanden durch die Öffnung des Bauches, die bis in die Schultern drückt und schmerzt und die sich erst nach und nach auf dem jeden bekannten Weg verabschieden wird. Aber egal, ich weiß, jetzt geht es bergauf und ab heute will ich mich regelmäßig um die Versorgung meiner Tochter kümmern. Endlich nach vorn schauen. Ich bin auf dem Weg zu ihr und total aufgeregt. Doch noch soll es das für mich nicht gewesen sein. Da wartet noch eine weitere Prüfung für mich, auf die ich auch überhaupt nicht vorbereitet bin. Als ich abends 19:30Uhr zur Fütterung auf der Neo erscheine, bemerke ich, dass ich plötzlich Kopfschmerzen bekomme. Ich denke mir nichts dabei. Wer hätte nach solchen Erlebnissen zuzüglich wenig Schlaf keine Kopfschmerzen? Als ich mit den Schwestern über den nächsten Fütterungstermin spreche, muss ich weinend zugeben, dass ich es nicht schaffen werde. Die Kopfschmerzen werden immer stärker und ich muss im Rollstuhl auf meine Station zurückgebracht werden, weil ich den Kopf nicht mehr gerade halten kann. Was ist das nur?? Der Schmerz nimmt mich komplett ein und zwingt mich ins Bett. Als ich mich hinlege, bemerke ich, dass der Schmerz nun schlagartig verschwunden ist. Was für eine Erlösung... Während ich einschlafe, freue ich mich auf den nächsten Tag. Dann wird es mir besser gehen.
Aber es geht mir nicht besser. Ganz im Gegenteil. Schon in der Nacht habe ich bei Toilettengängen gespürt, dass die Kopfschmerzen noch da sind. Sobald ich mich aus der Horizontalen hoch bewege, wird der Schmerz so stark, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich muss nach vorn gebeugt laufen, damit der Kopf weiterhin in Liegeposition ist. Das gibt es doch alles nicht...wie soll ich mich so um meine Tochter kümmern?? Am nächsten Morgen spreche ich nochmal mit den Schwestern, die mir schon diverse Schmerzmittel gegeben hatten, die aber alle nicht helfen. Nichts schlägt an, der Schmerz wird kein bisschen leichter. Ich bin völlig unfähig, irgendetwas zu machen und nun langsam am Rande der Verzweiflung. Nimmt denn dieser Alptraum nie ein Ende? Warum passiert mir das alles? Was mich so quält, wird nur durch einen Zufall aufgedeckt. Ich klage mein Leid in einer Whatsappgruppe mit MC Mitgliedern, die mich schon lange in meinem Kinderwunsch und später auch in der Schwangerschaft begleiten. Eine der Frauen kommt sofort auf den richtigen Trichter. Postspinaler Kopfschmerz... Bitte was? Ich google...ja, das passt. Und verdammt, das gibt’s doch nicht, soll es das wirklich sein? Laut Dr. Google hätte man mir damit meine Hirnhaut beim Stechen der Spinalanästhesie verletzt und nun tritt Hirnwasser aus dem Leck in meinem Rücken aus, was diese furchtbaren Kopfschmerzen auslöst. Später kommt eine junge Ärztin, während mein Freund da ist, und befragt mich zu den Symptomen. Schon nach kurzer Zeit wiederholt sie, was ich vorher schon gelesen hatte: Die Kopfschmerzen kommen von einer Verletzung bei der Narkose. Mir wird schlecht...ich hatte nämlich auch schon gelesen, was die Therapieansätze in diesem Fall sind. Die Ärztin schickt den Anästhesisten zu mir. Der sichert auch nochmal die Diagnose. Der Fall ist allerdings ziemlich klar: Hektisch gestochene Spinalanästhesie und lagerungsbedingte unerträgliche Kopfschmerzen, die etwa zwei Tage nach dem Eingriff zum Vorschein kamen. Ich habe zwei Optionen. Option 1: Aussitzen. Das kostet mich im besten Fall eine Woche, vermutlich deutlich länger. Schlimmstenfalls Monate. Diese Option ist keine Option. Eine Etage tiefer liegt mein Baby schon viel zu lange ohne seine Mutter. Also Option 2: Ein Blutpatch. Dafür wird mein Eigenblut in die Einstichstelle gebracht, in der Hoffnung, dass es an den richtigen Stellen gerinnt und das Leck damit verschließt. Ich könnte kotzen... Ich hab jetzt einfach keinen Bock mehr auf Nadeln und Schmerzen, aber ich weiß auch, dass ich gar keine andere Wahl habe. Also füge ich mich. Der Eingriff soll schon zwei Stunden später stattfinden. Ich werde in einen OP Saal geschoben, mein Freund darf mit. Ich werde nochmal darüber aufgeklärt, dass die Erfolgsquote in der Regel ganz gut ist und der Eingriff schon beim ersten Mal seine Wirkung zeigt. Es hätte allerdings auch Patienten gegeben, die das Prozedere bis zu vier Mal über sich ergehen lassen mussten, weil der Arzt im Prinzip blind stechen muss. Er weiß nicht, wo genau das Leck sitzt. Mein Fall ist besonders kompliziert und nicht gerade erfolgversprechend, weil beim Kaiserschnitt fünf Mal gestochen wurde. Wie bei der Narkose muss ich mich nach vorn beugen und bekomme erst eine lokale Betäubung gespritzt. Mein Freund sitzt mir bisschen hilflos gegenüber und dann geht es los. Ich würde jetzt mal behaupten, dass ich nicht mega zimperlich bin, was solche Dinge angeht. Ich habe auch eine Lumbalpunktion schon überstanden. Aber das hier toppt wirklich alles. Der ganze Eingriff dauert gefühlt ewig. Ich weiß nicht genau, was er da macht, aber scheinbar wird nun irgendeine Kanüle eingeführt. Das Gefühl kenne ich schon von der Punktion und auch vom Kaiserschnitt. Alles noch aushaltbar. Als die Kanüle endlich sitzt, kommt eine Schwester und nimmt mir frisches Blut aus dem Arm ab. Dann werden mir 20ml von meinem Blut in die Einstichstelle gespritzt. Das Gefühl löst in mir das Bedürfnis aus, von der Bank zu springen und dem Anästhesisten eine runterzuhauen, aber ich weiß, ich darf mich nicht bewegen. Es drückt und drück und drückt in meinen Rücken hinein und ich fühle mich als ob meine Wirbelsäule gleich zerspringt. Er fragt mich ständig, was denn los sei, weil ich mich natürlich beschwere. Ja was soll schon los sein! Nimm Deine Werkzeuge da raus, aber flott! Dann ist er fertig. Der Druck ist aber immer noch da. Prima, also bleibt das jetzt so?? Oh Gott... Er verspricht mir noch, dass das bald besser wird und ich werde wieder auf meine Station gebracht.
Am nächsten Tag kriege ich Besuch von einem weiteren ungebetenen Gast. Der Baby Blues kehrt bei mir ein. Aufwachend mit Kopfschmerzen und mit der Angst im Nacken, dass der Eingriff wiederholt wird, heule ich heute alle Schwestern voll und auch die Ärztin, die sich nach meinen Kopfschmerzen erkundigt. Unter Tränen eröffne ich ihr, dass ich lieber die scheiß Kopfschmerzen aushalte, als mir nochmal an der Wirbelsäule rumstochern zu lassen. Ich sehe ihr Unverständnis in ihren Augen. Was ist das denn für eine Mutter...rennt lieber mit Kopfschmerzen rum... Aber ich kann einfach nicht mehr. Nur unter Vollnarkose, verkünde ich. Ich will nichts mehr aushalten müssen. Ja, mein Maß ist jetzt voll, ich kann nichts mehr ertragen. Ich halte meinen Kopf einfach schräg, dann geht’s... Die Ärztin hat Mitleid und verpasst mir ein starkes Schmerzmittel in den Oberschenkel. Den Nachmittag über bin ich komplett schmerzfrei und darf ihn mit meiner Tochter verbringen. Ich bekomme sie im Bettchen auf Station und schiebe sie stolz wie Oskar in der Gegend rum und schniefe was das Zeug hält. Verdammter Baby Blues, der kam pünktlich wie die Feuerwehr. Jeder der mich anspricht, bereut es sofort. Wöchnerin mit Baby Blues! Schnell weg. Ich schaue in das Bettchen und kann nicht fassen, dass das kleine Wesen zu mir gehört. Dass es von mir abhängig ist. Es ist so unglaublich hilflos und ich soll es nun versorgen. Kann ich das überhaupt? Was habe ich mir nur dabei gedacht!!! Was für ein Tag voller Tränen.
In der Nacht wache ich auf. Das erste was mir auffällt: Keine Kopfschmerzen!!! Ich wage nicht mich zu freuen und hebe mir die Jubelschreie über den erfolgreichen Eingriff für den Morgen auf. Nicht dass es nur das Schmerzmittel ist, was noch wirkt. Aber was hat mich aufgeweckt?? Richtig, ich habe uuuunglaubliche Milchtüten an mir dran. Man könnte sie als große rote Feuerbälle bezeichnen. Der Milcheinschuss ist da! Ich schwanke zwischen Panik und Euphorie – was mach ich jetzt?? Abpumpen? Weiterschlafen? Quark draufschmieren? Hilfe! Ich frage bei den Schwestern nach. Die raten mir zum Abpumpen. Na dann. Mit neu gewonnenem Optimismus werfe ich die Pumpe an, zu der ich inzwischen ein fast liebevolles Verhältnis pflege, und warte gespannt auf das Resultat. Doch die Vorfreude ist nur von kurzer Dauer. Lächerliche 5ml quetsche ich heraus. Das gibt’s doch nicht...Riesenhupen, aber keine Milch??
Am nächsten Morgen registriere ich kurz, dass die Kopfschmerzen tatsächlich weg sind, jubiliere innerlich kurz und wende mich gleich meinem nächsten Problem, den roten Feuerbällen, zu. Nachdem mein Kind versorgt ist, suche ich mir Hilfe auf der Entbindungsstation (auf welcher ich wegen Platzmangels nicht liegen konnte). Eine ältere großmütterlich anmutende Schwester bringt mich ins Still/Pump-Zimmer. Hier gibt’s ein Stillzimmer?! Sie verpasst mir eine Ladung entzündungshemmende Medikamente auf natürlicher Basis und gibt mir tolle Tipps. Ich pumpe nochmal und es wird langsam mehr. Im Anschluss bekomme ich zwei Kühlakkus vorne draufgeschnallt und entspanne mich in dem gemütlichen Schaukelstuhl, während ich mit einer anderen traumatisierten frisch Entbundenen in den unschönen Erinnerungen grabe. Es sind nur 15 Minuten. Aber diese 15 Minuten ändern wirklich alles. Endlich versteht mich hier jemand. Sie weint, ich weine, und als ich meine Tochter aus dem Stillzimmer schiebe, sind es schon einige Wolken weniger an meinem Horizont. Abends muss ich meine Tochter wieder auf der Neo abliefern. Der Trennungsschmerz überkommt mich wieder völlig unerwartet. Noch weiß ich nicht, dass wir uns nun zum letzten Mal trennen müssen.
Am nächsten Morgen bekomme ich in der Neo die freudige Mitteilung, dass ich heute hier einziehen darf. Als Begleitmama. Hihi...Mama...ich bin eine Mama
Die guten Nachrichten reißen nicht ab. In das zweite vorhandene Bett auf dieser Station zieht die Mama, die ich schon kenne und deren Tochter mit meiner Tochter schon die ganze Zeit das Zimmer teilt. Endlich jemand zum reden! Sie hat auch per Kaiserschnitt entbunden, weil ihre Tochter nicht mehr gewachsen ist und mit 1.600g auf die Welt kam. Jetzt geht es bergauf. Ich falle der Überbringerin der tollen Nachrichten um den Hals und...heule...meine Güte, kann ich eigentlich auch noch was anderes?? Diesmal sind es aber Freudentränen! Was haben wir alles geschafft bis hier her. Unglaublich. Als mein Freund kommt, schleppen wir alles eine Etage tiefer und ich bin somit als Patientin entlassen. Was für ein Gefühl! Der Alptraum wandelt sich nun langsam und ein Ende ist in Sicht. Die nächsten zwei Tage verbringe ich nun mit der anderen Mama und unseren Töchtern gemeinsam in dem liebevoll eingerichteten Zimmer. Nun machen wir alles selbst und ich bin so erleichtert darüber, dass mein süßes kleines Mädchen nun endlich nur noch mich als Hauptbezugsperson hat und nicht mehr herumgereicht werden muss. Nachts stehen wir gemeinsam auf, füttern, wickeln, pumpen ab. Tagsüber versuche ich noch mehrfach mithilfe von den Schwestern zu stillen. Nur unter Einsatz von Tricks gelingt es mir gelegentlich. Ich muss erst ca. 2 Minuten abpumpen, um überhaupt den Milchfluss ausreichend anregen zu können. Doch selbst dann fließt die Milch so schleppend, dass wir meiner Tochter eine Spritze mit Milch ins Mündchen halten müssen, um sie überhaupt zum weitersaugen animieren zu können. Es ist ein bisschen frustrierend, weil ich weiß, dass ich das zuhause nicht hinkriegen werde. Ständig pumpen ist äußerst mühselig und das mit der Spritze bekomme ich alleine nicht hin. Also schicke ich meinen Freund zu meinem Frauenarzt, ein Rezept für eine elektrische Pumpe abholen. Sicher werden wir bald entlassen und ich muss ja vorbereitet sein. Eine Freundin lässt mir einen Stapel Babykleidung in Größe 44 ins Krankenhaus kommen. In diesen Tagen bin ich der profitabelste Kunde von A****n. Ich bestelle alles, was ich eigentlich in den letzten Wochen noch besorgen wollte oder wo ich mir nicht sicher war, ob ich es brauche. Heizstrahler, Flaschen, eine Pumpe für unterwegs, Still-BHs usw. Das Stillen klappt weiterhin nicht. Meine Tochter fängt wütend an zu brüllen, wenn sie nach den ersten Zügen registriert, dass die Milch nicht fließt. Sie ist da, aber sie kommt ohne Pumpe einfach nicht heraus. Was ist da los? Inzwischen kann ich ca. 60ml abpumpen, aber mein Kind kann sie nicht selbst trinken? Ich beginne, mich mit dem Gedanken ans Pumpstillen anzufreunden. Besser so als gar keine Muttermilch. Aber wirklich befriedigend ist das nicht, besonders nachdem mir auffällt, wie unglaublich umständlich das ist. Nach jeder Flaschenfütterung muss ich pumpen, um die Produktion in Gang zu bringen, aber meine Tochter lässt sich nach dem Trinken ungern ablegen. Also was machen? Kind trösten? Abpumpen? Ich entscheide, dass keines von beidem aufgeschoben werden darf und mache es gleichzeitig. Pumpe in der einen Hand, im anderen Arm ruht meine Tochter. Inzwischen ist es auch so, dass ich Angst davor habe, sie an meine Brust anzulegen. Sie schreit und ist enttäuscht und ich kann und will ihr das nicht antun. Der Stillstart wurde uns wahrlich verhagelt, auch wenn ich zum Teil weiß, dass es nicht anders ging. Trotzdem wünsche ich mir, dass man es mehr forciert bzw. die Zeit dafür eingeräumt hätte. Ich unterlasse nun alle weiteren Stillversuche und verschiebe das auf nach unserem Auszug. Daheim klappt das sicher...hoffe ich... Dennoch weiß ich, dass wir auf dem Heimweg, wenn wir entlassen werden, Ersatzmilch werden kaufen müssen. Nach zwei Tagen werden wir entlassen. Meine Tochter wiegt nun knapp 2.300g und kann ihre Temperatur halten. Meine Hebamme ist informiert und wird uns hoffentlich noch heute Nachmittag besuchen. Ich habe wirklich Respekt vor dem, was da jetzt kommt. Das kleine Wesen verschwindet praktisch in seiner Babyschale und mir wird noch einmal klar, wie klein sie eigentlich ist. Wir verabschieden uns – wie sollte es anders sein – unter Tränen von allen Schwestern der Station und verlassen das Krankenhaus. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Auf nach Hause!
09.05.2016 13:54
@Chrysanthes
Also eine der Flaschen werde ich auf alle Fälle als Erinnerung aufheben - auch gerne als umfunktionierte Rassel
Aber die anderen, die werd ich verklimpern. Das sind teils noch neue Sets im geschlossenen Karton.
@Morly
Das ist ganz und gar nicht Bullshit, was Du da schreibst
Das Bonding Bad, richtig? Ich hatte auch davon gelesen. So ähnlich lief das hier ab, aber das kommt in Teil 3
(Spoileralarm
)
Also eine der Flaschen werde ich auf alle Fälle als Erinnerung aufheben - auch gerne als umfunktionierte Rassel
Aber die anderen, die werd ich verklimpern. Das sind teils noch neue Sets im geschlossenen Karton. @Morly
Das ist ganz und gar nicht Bullshit, was Du da schreibst
Das Bonding Bad, richtig? Ich hatte auch davon gelesen. So ähnlich lief das hier ab, aber das kommt in Teil 3
(Spoileralarm
)
09.05.2016 14:06
Wahnsinn, und nun ist sie schon einen Monat alt. Hast du noch Kontakt zu der anderen Mama aus deinem Zimmer?
Bin gespannt auf Teil 3!
Bin gespannt auf Teil 3!
09.05.2016 14:21
Zitat von Pakuna:Ich mußte weinen, als ich den Text gelesen habe.
Ich weiß grad nicht, ob soviel Text hier hinein passt![]()
Teil 2
Meine Tochter wird weggebracht. Ich habe allerdings auch nicht das Gefühl, als ob ich jetzt ein Baby halten könnte. Dafür sitzt plötzlich mein Freund an meiner Seite und hält mir weiter die Pappschachtel an die Wange. Mir wird bewusst, dass er bei der „Geburt“ nicht dabei war. Er musste sich umziehen und in der Zeit wurde unsere Tochter aus meinem Bauch geholt. Ich versuche zu sprechen, krieg aber nur unverständlichen Kauderwelsch heraus, was an dem Mittel gegen die Übelkeit liegen muss. Ich zittere am ganzen Körper und kann das nicht kontrollieren. Durch das Zittern spannen sich sämtliche Muskeln an, was in meiner rechten Schulter bereits zu schmerzen beginnt. Von dem Zittern hatte ich gelesen. Woher kommt das? Ist das der Schock? Die Narkose? Jemand mit einem Fotoapparat kommt herein und hinter dem Tuch werden Bilder gemacht. Etwa von meiner Plazenta?? Ich werde angesprochen „Frau XXXX, der Befund hat sich bestätigt. Die Plazenta hat sich bereits teilweise abgelöst.“
Während ich zugenäht werde, wird mein Freund nun gebeten, mit zu unserer Tochter zu kommen. Ich bin nicht traurig, dass ich es nicht sein kann. Ich befinde mich in einem seltsamen Zustand. Erleichtert, dass es vorbei ist. Zitternd vor Schock. Oder ist mir so kalt? Erschöpft. Und irgendwie gebrochen. Ich weiß, dass das nicht für jeden nachvollziehbar ist, aber ich fühle mich so..missbraucht. Jetzt höre ich auf, dagegen anzukämpfen. Es ist ja zu spät. Jemand sagt zu mir, dass es meiner Tochter gut geht. Ich lasse mich nun innerlich endgültig fallen. Hier liegen bleiben...einfach für immer...dann wird schon alles gut...
Ich werde in den Kreißsaal geschoben. Das Zittern hält stetig an, obwohl ich zugedeckt bin. Im Kreißsaal liegt ein winzig kleines Handtuch-Bündel auf dem Wickeltisch. Mein Herz rast. Ist das mein Kind? Jemand fragt mich, wie sie heißen soll. Ich sage es und die ersten Tränen laufen. Da drüben, da liegt meine Tochter. Im Handtuch eingewickelt. Ganz still, kein Laut ist zu hören. Ich kann sie fühlen, war sie doch eben noch unter meinem Herzen. Jetzt liegt sie da, ganz allein, in dem rauen Handtuch. Mein Herz tut so weh...ich kann es fast nicht ertragen. Ich frage, ob ich mein Kind haben darf. Ich kriege sie gebracht und in meinen zitternden Arm gelegt. Das Zittern aus dem OP hat nicht nachgelassen, und so zittern wir gemeinsam, während ich völlig ungläubig in die Öffnung vom Handtuch schaue. Noch nie habe ich etwas Schöneres, Überwältigenderes gesehen. Mein Kind schaut mich aus wachen, klugen Augen an. Es hat überall Käseschmiere im Gesicht, aber die Augen sind so klar, so wissend, dass es mir das Herz zerreißt. In diesem Augenblick brennt sich das Gesicht meiner Tochter für alle Ewigkeiten in mein Herz ein. Ich kann nicht fassen, wie unglaublich schön sie ist und erlebe völlig schutzlos, wie die Muttergefühle Besitz von mir ergreifen. Von diesem Moment an bin ich ein anderer Mensch, denn jetzt schlägt mein Herz außerhalb meines Körpers (diesen Satz hat mir eine liebe Freundin geschickt, danke dafür).
Unser Glück währt nur kurz. Eine Hebamme macht noch ein paar Erinnerungsfotos für mich, die auch gleich ausgedruckt werden und übergibt meine Tochter dann an eine Kinderärztin eines kooperierenden Krankenhauses. Die Ballerina ist zu leicht mit ihren 2.320g und ein gewisser Gewichtsverlust ist wohl auch noch zu erwarten. Da sie außerdem ihre Temperatur nicht alleine halten kann, muss sie auf die Neonatologie, die es hier in diesem Krankenhaus nicht gibt. Es sind jetzt viele Leute im Raum. Eine Ärztin kommt zu uns und sagt „Sie hatten wirklich großes Glück. Sie hätten keine 30min später kommen dürfen. Die Tatsache, dass Sie Schmerzen entwickelt haben, hat Ihrer Tochter das Leben gerettet. Versuchen Sie es von dieser Seite zu betrachten und seien Sie nicht allzu traurig. Wir wissen, dass es alles ziemlich hauruck ging, aber Sie hatten überhaupt keine andere Wahl. Es gibt Frauen, die spüren von der Ablösung überhaupt nichts und dann kommt jede Hilfe zu spät.“ Ich schätze ich weine die ganze Zeit, genau kann ich mich nun nicht mehr erinnern. Die Möglichkeit, dass mein Kind weggebracht wird, war mir vorher schon klar, aber wer rechnet denn damit, dass das dann ausgerechnet bei einem selber passiert. Das sind Dinge, die anderen passieren. Meine Tochter wird in ein Wärmebett gelegt und steht nun draußen auf dem Gang. Wir halten Blickkontakt. Sie liegt auf der Seite und sieht mich an. Und wieder habe ich das Gefühl, dass sie mehr weiß als sie eigentlich fähig ist zu wissen. Sie ist ganz still und schaut mich an, durch die Glasscheibe. Mir war nicht klar, was ein Mensch in der Lage ist zu fühlen...
Nachdem sie weg ist, fährt mein Freund nach Hause, um sämtliche Unterlagen wie Vaterschaftsanerkennung usw. zu holen. Wir hatten ja nichts dabei. Währenddessen liege ich allein im Kreißsaal. Alle 15 Minuten wird mein Blutdruck automatisch gemessen. Ich schaue auf die Anzeige – 185:110. Wow. Langsam fühle ich meine Zehen wieder und kann sie auch bewegen. Der Schnitt beginnt zu schmerzen. Irgendwann bekomme ich ein Schmerzmittel in den Oberschenkel gespritzt und auch etwas gegen den hohen Blutdruck. Das Zittern lässt jetzt langsam nach. Ich fühle mich...so unglaublich einsam. Innerlich leer, was ja auch irgendwie stimmt. Mein Kind, das mich braucht, ist weg. Mein Kind, das ich brauche, ist nicht da. Der Schmerz über die Trennung ist so stark, dass ich nicht mehr weinen kann. Ich liege im Kreißsaal und warte...warte dass meine Narkose ganz aufhört und ich, wie versprochen, auch in das andere Krankenhaus gebracht werde.
Aber man hält dieses Versprechen nicht. Ich hätte doch eh keine Kraft, mich heute noch um mein Kind kümmern zu können. Die Betten sind belegt. Es sind grad fünf Geburten im Gange. Und überhaupt...das können wir doch auch morgen noch machen. Keiner kann verstehen, dass allein die Tatsache, dass wir in unterschiedlichen Gebäuden sind, die Sache nur noch schlimmer macht. Aber in verschiedenen Städten? Wir müssten eigentlich im gleichen Bett sein, aber soviel habe ich gar nicht verlangt. Also lasse ich mein Kind im Stich. Ich fahre nicht hinterher und fühle mich wie ein Verräter. Erst hast Du mich rausschneiden lassen, ohne jede Vorwarnung, und jetzt willst Du nicht einmal bei mir sein. Wer hält jetzt mein Kind im Arm? Wer tröstet es? Wer gibt ihm Nahrung? Wessen Geruch nimmt es jetzt in sich auf? Ist es allein? Wird es überhaupt getröstet? Kennt es mich, weiß es wer ich bin? Liebt es mich so wie ich es liebe? Wie kann es das denn... ich habe es ja verlassen.
Ich werde auf Station gebracht und eine elektrische Pumpe wird an mein Bett geschoben. Mein Ersatz-Kind. Ich gebe mir selbst das Versprechen, dass ich alles dafür tun werde, um meine Tochter stillen zu können. Also werde ich jetzt eine innige Beziehung mit der Pumpe eingehen. Jetzt weiß ich auch, warum mir Fotos von meiner Tochter ausgedruckt wurden. Nachdem mir die Pumpe erklärt wurde, lege ich los. Es passiert – genau gar nichts. Zumindest nicht offensichtlich. Wo ist sie denn, die Milch? Ich pumpe insgesamt eine halbe Stunde, ohne auch nur einen Tropfen Milch zu sehen. Da ich aber weiß, dass ich nun viel Geduld haben muss, lasse ich mich davon erstmal nicht weiter verunsichern. Später darf ich auch endlich etwas essen. Dann kommt mein Freund wieder und die restlichen Formalitäten werden geklärt. Wir informieren die Eltern und die Schwiegereltern und bitten sie jeweils, es für sich zu behalten, weil wir mit Anrufen und Glückwünschen aktuell nicht fertig werden würden. Ich möchte mit niemandem sprechen und keine Gratulationsnachrichten erhalten. Ich weiß grad nicht, wozu man uns gratulieren sollte... Mein Freund fährt nun zu unserer Tochter. Ich bleibe hier zurück, allein. Auch einen Zimmernachbarn will man mir nicht zumuten. Später kommen viele Fotos meiner Tochter auf meinem Handy an. Man hat ihr eine gehäkelte Wollmütze aufgesetzt und jetzt sehe ich auch, dass sie aussieht wie ich. Große dunkle Augen schauen mich an. Sie gehen mir durch Mark und Bein. Wie konnte ich bisher nur ohne sie sein? Später kommt eine Schwester und zwingt mich aus dem Bett. Die Schmerzen beim Aufstehen sind unerträglich, aber ich weiß dass ich schnell wieder auf die Füße kommen muss. Ich putz mir die Zähne und gelange dann mit Hilfe wieder ins Bett. Für die Nacht bekomme ich noch Schmerzmittel und in regelmäßigen Abständen wird weiterhin mein Blutdruck gemessen, der nun langsam aber stetig absinkt. Mir wird Blut abgenommen, um mich auf HELLP zu untersuchen. Die Nacht bricht herein und das erste Mal seit Monaten schlafe ich auf dem Rücken. Wie sehr habe ich das vermisst!
Am nächsten Morgen werde ich entkabelt. Ich kann es kaum erwarten, denn sobald alles entfernt ist, kann mein Transport in die Wege geleitet werden. Erst der Blasenkatheter. Es gibt wirklich schöneres... Ab sofort muss ich alleine aus dem Bett kommen. Dann die Drainage. Kann man auch drauf verzichten... Aber nun kann ich mich wieder frei bewegen. Am schlimmsten ist das Aufrichten im Bett. Ich habe so eine Art Galgen über mir, an dem ich mich hochziehen kann. Das geht ganz gut. Eine Schwester kommt und will mir eine Art Topf unterschieben, um das Blut abzuwaschen. Dazu soll ich mithilfe des Galgens meinen Po in die Höhe heben. Ein Kraftakt so kurz nach einem Kaiserschnitt, aber wir schaffen es. Sie lässt warmes Wasser über mich drüberlaufen und ich denke mir, wie schnell man jegliches Schamgefühl verliert, wenn andere Dinge in den Vordergrund rücken. Der erste Toilettengang ist sehr schmerzhaft aufgrund des entfernten Blasenkatheters, aber ich bin froh, dass ich das nun wieder alleine verrichten darf. Nun bin ich abfahrbereit. Zwei Sanitäter verfrachten mich in einen Rettungswagen und fahren mich die 20 Minuten in das andere Krankenhaus. Sie unterhalten sich mit mir und wollen wissen was passiert ist. Sie fragen mich, ob sie mich direkt in die Neonatologie bringen sollen, damit ich meine Tochter sehen kann.
Sie schieben mich im Rollstuhl auf die Station. Man muss Hände desinfizieren und einen Kittel anziehen. Komisches Gefühl. Andere Frauen legen ihr Baby auf die nackte Brust und ich habe einen gelben Kittel über der Kleidung. Eine Schwester fragt, was sie für mich tun kann. Ich antworte: „Ich möchte zu meiner Tochter.“ Es fühlt sich so seltsam an, das zu sagen. Meine Tochter? Was werde ich jetzt gleich fühlen? Ich werde in einen kleinen Raum geschoben, in dem drei Wärmebettchen stehen. Zwei sind belegt. An dem einen Bettchen sitzen Eltern. Das andere Bettchen steht auf der anderen Seite. Ich sehe die gehäkelte Mütze. Die Nase. Die Augen. Den Mund. Ich kann nicht mehr... Die Gefühle übermannen mich und mir schießen so viele Tränen gleichzeitig in die Augen, dass ich nichts mehr sehen kann. Ich fange hemmungslos an zu schluchzen. Man legt mir meine Tochter in die Arme, aber ich sehe sie vor lauter Tränen nicht. Endlich bekomme ich ein Taschentuch. Oh wie schön sie ist! Das ist mein Kind! Sie ist so wunderschön! Ich atme ihren Geruch ein. Sie riecht so unglaublich gut! Eins weiß ich in diesem Augenblick: Die Tatsache, dass wir einen Kaiserschnitt hatten, hat nichts an der Liebe geändert, die ich für dieses Kind empfinde. Ich kann mir nicht vorstellen, dass man noch mehr fühlen kann. Ob es ihr wohl genauso geht?
Ich bekomme das Prozedere erklärt. Im 3-Stunden-Rhythmus wickeln, Temperatur messen um sicherzustellen, dass sie nicht unterkühlt, Flasche geben. Es ist ein seltsames Gefühl. Wie soll ich denn alle drei Stunden alleine hier herkommen können? Ich kann ja auch nicht wirklich aufrecht stehen, ich werde sie also auch nicht wickeln können. Aber ich tröste mich; ich werde morgen sicher schon viel besser unterwegs sein und mich dann schnell von dem Kaiserschnitt erholen. Wir vereinbaren, zu welcher Zeit ich wieder hier sein werde. Dann wird auch der Papa da sein. In der Zwischenzeit soll ich wieder pumpen. Ich nehme also eine Ladung Fläschchen mit und versuche mich in meinem Zimmer wieder an der Milchproduktion. Es passiert wieder...genau gar nichts. Hmmm.. Also ich wusste ja, dass es ein paar Tage dauert, dass die Produktion in Gang kommt, aber wo ist denn zum Beispiel das Kolostrum? So langsam frage ich mich, ob ich werde stillen können. Ich konnte mir sowieso schon die ganze Zeit nicht vorstellen, dass da vorne Milch rauskommen soll... Später kommt mein Freund wieder und bevor wir zu unserer Tochter gehen, pumpe ich erneut. Diesmal tut sich was. Auf der Brustwarze bildet sich ein kleines Bläschen. Das erste winzigkleine Anzeichen von Milch. Nicht viel, aber immerhin. Mir war trotzdem nicht klar, wie schwierig das ist...Später gehen wir gemeinsam auf die Neo und versuchen uns erstmalig am Stillen. Wie erwartet, protestiert unser Mädchen heftig. Wir versuchen es ohne und mit Hütchen, werden aber von den Schwestern nicht wohlwollend dabei unterstützt. Man hat Bedenken, dass sie zuviel Kraft dabei verbraucht, außerdem dauert es zu lange... Also wieder Flasche. Mir wird ganz schwer ums Herz. Ich weiß, jeder Tag, den sie die Flasche erhält, entfernt uns immer weiter vom Stilltraum. Dennoch, einen kleinen Erfolg kann ich an diesem Tag dennoch verzeichnen. Als ich das nächste Mal abpumpe, bildet sich am Flaschenboden ein hauchzarter Film Milch. Fast nicht zu sehen, aber mein Herz lässt er höher schlagen.
Der nächste Tag spielt sich ganz ähnlich ab. Es ist Sonntag und ich komme immer besser mit der Kaiserschnittnarbe zurecht. Ich kann mich nun in unter einer Minute aus dem Bett hieven, was ohne Galgen oder Bettgeländer ziemlich schwierig ist (ich weiß echt nicht, warum ich hier sowas nicht habe). Was mir viel mehr Probleme macht, ist der nun wieder vorhandene Platz im Bauch. Sobald ich stehe, kann ich schlecht atmen und es fühlt sich an, als ob sämtliche Organe hin und her rutschen. Außerdem ist da jede Menge Luft, entstanden durch die Öffnung des Bauches, die bis in die Schultern drückt und schmerzt und die sich erst nach und nach auf dem jeden bekannten Weg verabschieden wird. Aber egal, ich weiß, jetzt geht es bergauf und ab heute will ich mich regelmäßig um die Versorgung meiner Tochter kümmern. Endlich nach vorn schauen. Ich bin auf dem Weg zu ihr und total aufgeregt. Doch noch soll es das für mich nicht gewesen sein. Da wartet noch eine weitere Prüfung für mich, auf die ich auch überhaupt nicht vorbereitet bin. Als ich abends 19:30Uhr zur Fütterung auf der Neo erscheine, bemerke ich, dass ich plötzlich Kopfschmerzen bekomme. Ich denke mir nichts dabei. Wer hätte nach solchen Erlebnissen zuzüglich wenig Schlaf keine Kopfschmerzen? Als ich mit den Schwestern über den nächsten Fütterungstermin spreche, muss ich weinend zugeben, dass ich es nicht schaffen werde. Die Kopfschmerzen werden immer stärker und ich muss im Rollstuhl auf meine Station zurückgebracht werden, weil ich den Kopf nicht mehr gerade halten kann. Was ist das nur?? Der Schmerz nimmt mich komplett ein und zwingt mich ins Bett. Als ich mich hinlege, bemerke ich, dass der Schmerz nun schlagartig verschwunden ist. Was für eine Erlösung... Während ich einschlafe, freue ich mich auf den nächsten Tag. Dann wird es mir besser gehen.
Aber es geht mir nicht besser. Ganz im Gegenteil. Schon in der Nacht habe ich bei Toilettengängen gespürt, dass die Kopfschmerzen noch da sind. Sobald ich mich aus der Horizontalen hoch bewege, wird der Schmerz so stark, dass ich es nicht mehr aushalte. Ich muss nach vorn gebeugt laufen, damit der Kopf weiterhin in Liegeposition ist. Das gibt es doch alles nicht...wie soll ich mich so um meine Tochter kümmern?? Am nächsten Morgen spreche ich nochmal mit den Schwestern, die mir schon diverse Schmerzmittel gegeben hatten, die aber alle nicht helfen. Nichts schlägt an, der Schmerz wird kein bisschen leichter. Ich bin völlig unfähig, irgendetwas zu machen und nun langsam am Rande der Verzweiflung. Nimmt denn dieser Alptraum nie ein Ende? Warum passiert mir das alles? Was mich so quält, wird nur durch einen Zufall aufgedeckt. Ich klage mein Leid in einer Whatsappgruppe mit MC Mitgliedern, die mich schon lange in meinem Kinderwunsch und später auch in der Schwangerschaft begleiten. Eine der Frauen kommt sofort auf den richtigen Trichter. Postspinaler Kopfschmerz... Bitte was? Ich google...ja, das passt. Und verdammt, das gibt’s doch nicht, soll es das wirklich sein? Laut Dr. Google hätte man mir damit meine Hirnhaut beim Stechen der Spinalanästhesie verletzt und nun tritt Hirnwasser aus dem Leck in meinem Rücken aus, was diese furchtbaren Kopfschmerzen auslöst. Später kommt eine junge Ärztin, während mein Freund da ist, und befragt mich zu den Symptomen. Schon nach kurzer Zeit wiederholt sie, was ich vorher schon gelesen hatte: Die Kopfschmerzen kommen von einer Verletzung bei der Narkose. Mir wird schlecht...ich hatte nämlich auch schon gelesen, was die Therapieansätze in diesem Fall sind. Die Ärztin schickt den Anästhesisten zu mir. Der sichert auch nochmal die Diagnose. Der Fall ist allerdings ziemlich klar: Hektisch gestochene Spinalanästhesie und lagerungsbedingte unerträgliche Kopfschmerzen, die etwa zwei Tage nach dem Eingriff zum Vorschein kamen. Ich habe zwei Optionen. Option 1: Aussitzen. Das kostet mich im besten Fall eine Woche, vermutlich deutlich länger. Schlimmstenfalls Monate. Diese Option ist keine Option. Eine Etage tiefer liegt mein Baby schon viel zu lange ohne seine Mutter. Also Option 2: Ein Blutpatch. Dafür wird mein Eigenblut in die Einstichstelle gebracht, in der Hoffnung, dass es an den richtigen Stellen gerinnt und das Leck damit verschließt. Ich könnte kotzen... Ich hab jetzt einfach keinen Bock mehr auf Nadeln und Schmerzen, aber ich weiß auch, dass ich gar keine andere Wahl habe. Also füge ich mich. Der Eingriff soll schon zwei Stunden später stattfinden. Ich werde in einen OP Saal geschoben, mein Freund darf mit. Ich werde nochmal darüber aufgeklärt, dass die Erfolgsquote in der Regel ganz gut ist und der Eingriff schon beim ersten Mal seine Wirkung zeigt. Es hätte allerdings auch Patienten gegeben, die das Prozedere bis zu vier Mal über sich ergehen lassen mussten, weil der Arzt im Prinzip blind stechen muss. Er weiß nicht, wo genau das Leck sitzt. Mein Fall ist besonders kompliziert und nicht gerade erfolgversprechend, weil beim Kaiserschnitt fünf Mal gestochen wurde. Wie bei der Narkose muss ich mich nach vorn beugen und bekomme erst eine lokale Betäubung gespritzt. Mein Freund sitzt mir bisschen hilflos gegenüber und dann geht es los. Ich würde jetzt mal behaupten, dass ich nicht mega zimperlich bin, was solche Dinge angeht. Ich habe auch eine Lumbalpunktion schon überstanden. Aber das hier toppt wirklich alles. Der ganze Eingriff dauert gefühlt ewig. Ich weiß nicht genau, was er da macht, aber scheinbar wird nun irgendeine Kanüle eingeführt. Das Gefühl kenne ich schon von der Punktion und auch vom Kaiserschnitt. Alles noch aushaltbar. Als die Kanüle endlich sitzt, kommt eine Schwester und nimmt mir frisches Blut aus dem Arm ab. Dann werden mir 20ml von meinem Blut in die Einstichstelle gespritzt. Das Gefühl löst in mir das Bedürfnis aus, von der Bank zu springen und dem Anästhesisten eine runterzuhauen, aber ich weiß, ich darf mich nicht bewegen. Es drückt und drück und drückt in meinen Rücken hinein und ich fühle mich als ob meine Wirbelsäule gleich zerspringt. Er fragt mich ständig, was denn los sei, weil ich mich natürlich beschwere. Ja was soll schon los sein! Nimm Deine Werkzeuge da raus, aber flott! Dann ist er fertig. Der Druck ist aber immer noch da. Prima, also bleibt das jetzt so?? Oh Gott... Er verspricht mir noch, dass das bald besser wird und ich werde wieder auf meine Station gebracht.
Am nächsten Tag kriege ich Besuch von einem weiteren ungebetenen Gast. Der Baby Blues kehrt bei mir ein. Aufwachend mit Kopfschmerzen und mit der Angst im Nacken, dass der Eingriff wiederholt wird, heule ich heute alle Schwestern voll und auch die Ärztin, die sich nach meinen Kopfschmerzen erkundigt. Unter Tränen eröffne ich ihr, dass ich lieber die scheiß Kopfschmerzen aushalte, als mir nochmal an der Wirbelsäule rumstochern zu lassen. Ich sehe ihr Unverständnis in ihren Augen. Was ist das denn für eine Mutter...rennt lieber mit Kopfschmerzen rum... Aber ich kann einfach nicht mehr. Nur unter Vollnarkose, verkünde ich. Ich will nichts mehr aushalten müssen. Ja, mein Maß ist jetzt voll, ich kann nichts mehr ertragen. Ich halte meinen Kopf einfach schräg, dann geht’s... Die Ärztin hat Mitleid und verpasst mir ein starkes Schmerzmittel in den Oberschenkel. Den Nachmittag über bin ich komplett schmerzfrei und darf ihn mit meiner Tochter verbringen. Ich bekomme sie im Bettchen auf Station und schiebe sie stolz wie Oskar in der Gegend rum und schniefe was das Zeug hält. Verdammter Baby Blues, der kam pünktlich wie die Feuerwehr. Jeder der mich anspricht, bereut es sofort. Wöchnerin mit Baby Blues! Schnell weg. Ich schaue in das Bettchen und kann nicht fassen, dass das kleine Wesen zu mir gehört. Dass es von mir abhängig ist. Es ist so unglaublich hilflos und ich soll es nun versorgen. Kann ich das überhaupt? Was habe ich mir nur dabei gedacht!!! Was für ein Tag voller Tränen.
In der Nacht wache ich auf. Das erste was mir auffällt: Keine Kopfschmerzen!!! Ich wage nicht mich zu freuen und hebe mir die Jubelschreie über den erfolgreichen Eingriff für den Morgen auf. Nicht dass es nur das Schmerzmittel ist, was noch wirkt. Aber was hat mich aufgeweckt?? Richtig, ich habe uuuunglaubliche Milchtüten an mir dran. Man könnte sie als große rote Feuerbälle bezeichnen. Der Milcheinschuss ist da! Ich schwanke zwischen Panik und Euphorie – was mach ich jetzt?? Abpumpen? Weiterschlafen? Quark draufschmieren? Hilfe! Ich frage bei den Schwestern nach. Die raten mir zum Abpumpen. Na dann. Mit neu gewonnenem Optimismus werfe ich die Pumpe an, zu der ich inzwischen ein fast liebevolles Verhältnis pflege, und warte gespannt auf das Resultat. Doch die Vorfreude ist nur von kurzer Dauer. Lächerliche 5ml quetsche ich heraus. Das gibt’s doch nicht...Riesenhupen, aber keine Milch??
Am nächsten Morgen registriere ich kurz, dass die Kopfschmerzen tatsächlich weg sind, jubiliere innerlich kurz und wende mich gleich meinem nächsten Problem, den roten Feuerbällen, zu. Nachdem mein Kind versorgt ist, suche ich mir Hilfe auf der Entbindungsstation (auf welcher ich wegen Platzmangels nicht liegen konnte). Eine ältere großmütterlich anmutende Schwester bringt mich ins Still/Pump-Zimmer. Hier gibt’s ein Stillzimmer?! Sie verpasst mir eine Ladung entzündungshemmende Medikamente auf natürlicher Basis und gibt mir tolle Tipps. Ich pumpe nochmal und es wird langsam mehr. Im Anschluss bekomme ich zwei Kühlakkus vorne draufgeschnallt und entspanne mich in dem gemütlichen Schaukelstuhl, während ich mit einer anderen traumatisierten frisch Entbundenen in den unschönen Erinnerungen grabe. Es sind nur 15 Minuten. Aber diese 15 Minuten ändern wirklich alles. Endlich versteht mich hier jemand. Sie weint, ich weine, und als ich meine Tochter aus dem Stillzimmer schiebe, sind es schon einige Wolken weniger an meinem Horizont. Abends muss ich meine Tochter wieder auf der Neo abliefern. Der Trennungsschmerz überkommt mich wieder völlig unerwartet. Noch weiß ich nicht, dass wir uns nun zum letzten Mal trennen müssen.
Am nächsten Morgen bekomme ich in der Neo die freudige Mitteilung, dass ich heute hier einziehen darf. Als Begleitmama. Hihi...Mama...ich bin eine MamaDie guten Nachrichten reißen nicht ab. In das zweite vorhandene Bett auf dieser Station zieht die Mama, die ich schon kenne und deren Tochter mit meiner Tochter schon die ganze Zeit das Zimmer teilt. Endlich jemand zum reden! Sie hat auch per Kaiserschnitt entbunden, weil ihre Tochter nicht mehr gewachsen ist und mit 1.600g auf die Welt kam. Jetzt geht es bergauf. Ich falle der Überbringerin der tollen Nachrichten um den Hals und...heule...meine Güte, kann ich eigentlich auch noch was anderes?? Diesmal sind es aber Freudentränen! Was haben wir alles geschafft bis hier her. Unglaublich. Als mein Freund kommt, schleppen wir alles eine Etage tiefer und ich bin somit als Patientin entlassen. Was für ein Gefühl! Der Alptraum wandelt sich nun langsam und ein Ende ist in Sicht. Die nächsten zwei Tage verbringe ich nun mit der anderen Mama und unseren Töchtern gemeinsam in dem liebevoll eingerichteten Zimmer. Nun machen wir alles selbst und ich bin so erleichtert darüber, dass mein süßes kleines Mädchen nun endlich nur noch mich als Hauptbezugsperson hat und nicht mehr herumgereicht werden muss. Nachts stehen wir gemeinsam auf, füttern, wickeln, pumpen ab. Tagsüber versuche ich noch mehrfach mithilfe von den Schwestern zu stillen. Nur unter Einsatz von Tricks gelingt es mir gelegentlich. Ich muss erst ca. 2 Minuten abpumpen, um überhaupt den Milchfluss ausreichend anregen zu können. Doch selbst dann fließt die Milch so schleppend, dass wir meiner Tochter eine Spritze mit Milch ins Mündchen halten müssen, um sie überhaupt zum weitersaugen animieren zu können. Es ist ein bisschen frustrierend, weil ich weiß, dass ich das zuhause nicht hinkriegen werde. Ständig pumpen ist äußerst mühselig und das mit der Spritze bekomme ich alleine nicht hin. Also schicke ich meinen Freund zu meinem Frauenarzt, ein Rezept für eine elektrische Pumpe abholen. Sicher werden wir bald entlassen und ich muss ja vorbereitet sein. Eine Freundin lässt mir einen Stapel Babykleidung in Größe 44 ins Krankenhaus kommen. In diesen Tagen bin ich der profitabelste Kunde von A****n. Ich bestelle alles, was ich eigentlich in den letzten Wochen noch besorgen wollte oder wo ich mir nicht sicher war, ob ich es brauche. Heizstrahler, Flaschen, eine Pumpe für unterwegs, Still-BHs usw.
Das Stillen klappt weiterhin nicht. Meine Tochter fängt wütend an zu brüllen, wenn sie nach den ersten Zügen registriert, dass die Milch nicht fließt. Sie ist da, aber sie kommt ohne Pumpe einfach nicht heraus. Was ist da los? Inzwischen kann ich ca. 60ml abpumpen, aber mein Kind kann sie nicht selbst trinken? Ich beginne, mich mit dem Gedanken ans Pumpstillen anzufreunden. Besser so als gar keine Muttermilch. Aber wirklich befriedigend ist das nicht, besonders nachdem mir auffällt, wie unglaublich umständlich das ist. Nach jeder Flaschenfütterung muss ich pumpen, um die Produktion in Gang zu bringen, aber meine Tochter lässt sich nach dem Trinken ungern ablegen. Also was machen? Kind trösten? Abpumpen? Ich entscheide, dass keines von beidem aufgeschoben werden darf und mache es gleichzeitig. Pumpe in der einen Hand, im anderen Arm ruht meine Tochter. Inzwischen ist es auch so, dass ich Angst davor habe, sie an meine Brust anzulegen. Sie schreit und ist enttäuscht und ich kann und will ihr das nicht antun. Der Stillstart wurde uns wahrlich verhagelt, auch wenn ich zum Teil weiß, dass es nicht anders ging. Trotzdem wünsche ich mir, dass man es mehr forciert bzw. die Zeit dafür eingeräumt hätte. Ich unterlasse nun alle weiteren Stillversuche und verschiebe das auf nach unserem Auszug. Daheim klappt das sicher...hoffe ich... Dennoch weiß ich, dass wir auf dem Heimweg, wenn wir entlassen werden, Ersatzmilch werden kaufen müssen. Nach zwei Tagen werden wir entlassen. Meine Tochter wiegt nun knapp 2.300g und kann ihre Temperatur halten. Meine Hebamme ist informiert und wird uns hoffentlich noch heute Nachmittag besuchen. Ich habe wirklich Respekt vor dem, was da jetzt kommt. Das kleine Wesen verschwindet praktisch in seiner Babyschale und mir wird noch einmal klar, wie klein sie eigentlich ist. Wir verabschieden uns – wie sollte es anders sein – unter Tränen von allen Schwestern der Station und verlassen das Krankenhaus. Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Auf nach Hause!
Um so glücklicher bin ich, das Du jetzt Deine kleine Maus stillen kannst, und es Dir besser geht.
09.05.2016 15:12
Auch mir kamen die Tränen beim lesen, Pakuna. Auch wenn ich keinen Kaiserschnitt hatte, du beschreibst es so genau, dass man deine Emotionen komplett nachempfinden kann.
Du hast echt alles gegeben! Ihr habt euch das kuscheln so sehr verdient
Du hast echt alles gegeben! Ihr habt euch das kuscheln so sehr verdient
09.05.2016 17:31
Boah pakuna *schnief* das ist ja wirklich ein Wechselbad der Gefühle
ich saß gerade in einem Imbiss als ich anfing zu lesen und dachte nur "scheisse, hoffentlich fragt der mich jetzt nicht, was ich auf die pommes will!" Erstmal heimlich die tränchen weggewischt und doch lieber zuhause weitergelesen
Nachdem ich das nun gelesen habe weiß ich, was Frauen meinen, wenn sie sagen, dass ein Kaiserschnitt eine große Leistung ist. Sonst war diese Aussage für mich nicht so richtig zu greifen. Jetzt verstehe ich das. Du hast etwas wirklich tolles geleistet, du hast alles gegeben was du konntest.
Wie du die Gefühle für deine Tochter beschrieben hast... Puh, das wünsche ich mir für meinen Sohn und mich genau SO!
Es freut mich so, dass du sofort diese unglaublichen Gefühle hattest und all diese schlimmen Erlebnisse nicht auch noch das kaputt gemacht haben.
Das Sahnehäubchen ist, dass du das mit dem stillen trotz allem geschafft hast. Du warst so hartnäckig und ausdauernd und wurdest dafür belohnt. Das freut mich echt ungemein für dich
Ich bin schon gespannt auf Teil 3 (ob es Bindung-Bad heißt weiß ich gar nicht, klingt aber so
)
ich saß gerade in einem Imbiss als ich anfing zu lesen und dachte nur "scheisse, hoffentlich fragt der mich jetzt nicht, was ich auf die pommes will!" Erstmal heimlich die tränchen weggewischt und doch lieber zuhause weitergelesen
Nachdem ich das nun gelesen habe weiß ich, was Frauen meinen, wenn sie sagen, dass ein Kaiserschnitt eine große Leistung ist. Sonst war diese Aussage für mich nicht so richtig zu greifen. Jetzt verstehe ich das. Du hast etwas wirklich tolles geleistet, du hast alles gegeben was du konntest.
Wie du die Gefühle für deine Tochter beschrieben hast... Puh, das wünsche ich mir für meinen Sohn und mich genau SO!
Es freut mich so, dass du sofort diese unglaublichen Gefühle hattest und all diese schlimmen Erlebnisse nicht auch noch das kaputt gemacht haben.
Das Sahnehäubchen ist, dass du das mit dem stillen trotz allem geschafft hast. Du warst so hartnäckig und ausdauernd und wurdest dafür belohnt. Das freut mich echt ungemein für dich
Ich bin schon gespannt auf Teil 3 (ob es Bindung-Bad heißt weiß ich gar nicht, klingt aber so
)
09.05.2016 17:33
Zitat von Morly:
Boah pakuna *schnief* das ist ja wirklich ein Wechselbad der Gefühleich saß gerade in einem Imbiss als ich anfing zu lesen und dachte nur "scheisse, hoffentlich fragt der mich jetzt nicht, was ich auf die pommes will!" Erstmal heimlich die tränchen weggewischt und doch lieber zuhause weitergelesen
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Nachdem ich das nun gelesen habe weiß ich, was Frauen meinen, wenn sie sagen, dass ein Kaiserschnitt eine große Leistung ist. Sonst war diese Aussage für mich nicht so richtig zu greifen. Jetzt verstehe ich das. Du hast etwas wirklich tolles geleistet, du hast alles gegeben was du konntest.
Wie du die Gefühle für deine Tochter beschrieben hast... Puh, das wünsche ich mir für meinen Sohn und mich genau SO!
Es freut mich so, dass du sofort diese unglaublichen Gefühle hattest und all diese schlimmen Erlebnisse nicht auch noch das kaputt gemacht haben.
Das Sahnehäubchen ist, dass du das mit dem stillen trotz allem geschafft hast. Du warst so hartnäckig und ausdauernd und wurdest dafür belohnt. Das freut mich echt ungemein für dich![]()
Ich bin schon gespannt auf Teil 3 (ob es Bindung-Bad heißt weiß ich gar nicht, klingt aber so)
Böse Autokorrektur! Bonding-Bad
09.05.2016 19:54
Wahnsinn wie toll authentisch du das ganze geschrieben hast!
Ich hatte an manchen Stellen echt pipi in den Augen (und dass hat bei mir was zu heißen und an manchen Stellen musste ich echt grinsen da ich mich absolut einfinden konnte bei der baby-blues Geschichte
Und wirklich, es ist eine unfassbare Leistung die bis dahin vollbracht hast, vor der ich wirklich meinen Hut ziehe...
Und auf Teil 3 bin ich auch gespannt und freue mich die positive Wende des Stillens zu lesen
Ich hatte an manchen Stellen echt pipi in den Augen (und dass hat bei mir was zu heißen und an manchen Stellen musste ich echt grinsen da ich mich absolut einfinden konnte bei der baby-blues Geschichte
Und wirklich, es ist eine unfassbare Leistung die bis dahin vollbracht hast, vor der ich wirklich meinen Hut ziehe...
Und auf Teil 3 bin ich auch gespannt und freue mich die positive Wende des Stillens zu lesen
10.05.2016 10:03
Zitat von LIttleOne13:
Wahnsinn, und nun ist sie schon einen Monat alt. Hast du noch Kontakt zu der anderen Mama aus deinem Zimmer?![]()
Bin gespannt auf Teil 3!![]()
Nein. Find ich jetzt im Nachhinein auch bisschen schade, aber irgendwie hatte ich so ein Gefühl, dass sich das später im Sande verlaufen wird. Hmm... würde ja schon gerne wissen, wie es der Familie jetzt geht. Sind nämlich schätzungsweise auch entlassen worden in der Zwischenzeit.
10.05.2016 12:52
Zitat von Pakuna:
Zitat von LIttleOne13:
Wahnsinn, und nun ist sie schon einen Monat alt. Hast du noch Kontakt zu der anderen Mama aus deinem Zimmer?![]()
Bin gespannt auf Teil 3!![]()
Nein. Find ich jetzt im Nachhinein auch bisschen schade, aber irgendwie hatte ich so ein Gefühl, dass sich das später im Sande verlaufen wird. Hmm... würde ja schon gerne wissen, wie es der Familie jetzt geht. Sind nämlich schätzungsweise auch entlassen worden in der Zwischenzeit.
Meld dich doch einfach mal bei ihr.
Noch ein cooler Ticker.
10.05.2016 19:25
Ohja, Kampf den nervigen Stillhütchen (wobei man fairer weiße ja sagen muss sie sind in machen Situationen ein Segen
)
Musste bei dem großen damals auch mit Hütchen stillen und es war so nervig! Aber anders hätte es sicher gar nicht mehr geklappt nachdem sie mir das mit ungefragem Zufütterte etc. fast total verhunzt hätten
Ich feuere euch also aus der Ferne an
) Musste bei dem großen damals auch mit Hütchen stillen und es war so nervig! Aber anders hätte es sicher gar nicht mehr geklappt nachdem sie mir das mit ungefragem Zufütterte etc. fast total verhunzt hätten
Ich feuere euch also aus der Ferne an
11.05.2016 09:34
Zitat von Pustekuchen:
Auch mir kamen die Tränen beim lesen, Pakuna. Auch wenn ich keinen Kaiserschnitt hatte, du beschreibst es so genau, dass man deine Emotionen komplett nachempfinden kann.
Du hast echt alles gegeben! Ihr habt euch das kuscheln so sehr verdient![]()
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Danke
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Braucht jemand Flaschen? 


